<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" version="2.0" xmlns:itunes="http://www.itunes.com/dtds/podcast-1.0.dtd" xmlns:googleplay="http://www.google.com/schemas/play-podcasts/1.0"><channel><title><![CDATA[Marleen Oswald]]></title><description><![CDATA[1997: Ein massiver Boom von finanziellen Betrugs-Schemes führt in Albanien zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Warum geschah das? Ein literarisch-essayistischer Blick hinter die offizielle Geschichtsschreibung. ]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com</link><image><url>https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!Il7e!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg</url><title>Marleen Oswald</title><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com</link></image><generator>Substack</generator><lastBuildDate>Sat, 23 May 2026 13:08:41 GMT</lastBuildDate><atom:link href="https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/feed" rel="self" type="application/rss+xml"/><copyright><![CDATA[Marleen Oswald]]></copyright><language><![CDATA[de]]></language><webMaster><![CDATA[albaniensunerzaehltegeschichte@substack.com]]></webMaster><itunes:owner><itunes:email><![CDATA[albaniensunerzaehltegeschichte@substack.com]]></itunes:email><itunes:name><![CDATA[Marleen Oswald]]></itunes:name></itunes:owner><itunes:author><![CDATA[Marleen Oswald]]></itunes:author><googleplay:owner><![CDATA[albaniensunerzaehltegeschichte@substack.com]]></googleplay:owner><googleplay:email><![CDATA[albaniensunerzaehltegeschichte@substack.com]]></googleplay:email><googleplay:author><![CDATA[Marleen Oswald]]></googleplay:author><itunes:block><![CDATA[Yes]]></itunes:block><item><title><![CDATA[Was mir ein albanisches Museum über deutsche Geschichte beibrachte]]></title><description><![CDATA[Recherche in Albanien. Teil 1.]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/was-mir-ein-albanisches-museum-uber</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/was-mir-ein-albanisches-museum-uber</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Fri, 15 May 2026 15:16:50 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/d65d77b2-cdad-496e-b183-bf132f54f89f_3072x3859.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Im Fr&#252;hjahr 2024 ist es dann so weit: Ich verbringe etwas &#252;ber einen Monat in Albanien, um f&#252;r meinen Roman zu recherchieren. </p><p>Die erste Woche verbringen wir in Tirana. Wir: Mein damaliger Freund und heutiger Mann Mark und ich. Es ist warm f&#252;r M&#228;rz, schon &#252;ber 25 Grad. Ich erinnere mich, wie ich Tirana das erste Mal gesehen habe: Aufgerissene Stra&#223;en, &#252;berall Baustellen, die Stadt unter einer Glocke aus wei&#223;em Staub. Die Baustellen sind immer noch da. Aber die Menschen werden immer schicker. Und zwischen den verr&#252;cktesten, buntesten Hochh&#228;usern Europas verschwinden allm&#228;hlich die kleinen, dunklen Eckcaf&#233;s, in die man von au&#223;en nicht hineinschauen kann - und werden von solchen ersetzt, in denen gut gekleidete Menschen wie in Schaufenstern sitzen. </p><p>Im Tirana von heute wollen die Leute sich nicht mehr verstecken. Sie wollen gesehen werden.</p><h1>Der Rest von Europa</h1><p>Wir beginnen mit einer Stadtf&#252;hrung. Die Sonne brennt uns auf K&#246;pfe und Schultern, w&#228;hrend wir mit einer Gruppe Touristen und unserer Stadtf&#252;hrerin mit dem sch&#246;nen Namen Antigona &#252;ber den strahlend wei&#223;en Skanderberg-Square wandern. Sie ist nicht &#228;lter als ich. Die Geschichte, die sie uns &#252;ber die Zeit des Kommunismus erz&#228;hlt, ist schon eine gelernte Geschichte und keine erlebte mehr. Ein Narrativ, das nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt und 1991 mit der &#214;ffnung der Grenzen endet.</p><p>Ich versuche, sie nach der Zeit danach zu fragen &#8211; dem Thema des Romans, den ich schreiben will -, aber sie schwenkt in ihren Antworten immer wieder weiter zur&#252;ck in die Vergangenheit. Die Jahre zwischen 1991 und 1997 scheinen in dem albanischen Narrativ wie ein blinder Fleck, ein Nichts zwischen damals und heute, von dem sie nichts zu berichten wei&#223;. Dabei ist es die Zeit, in der die noch heute g&#252;ltigen gesellschaftlichen Vorstellungen geboren worden sind &#8211; allen voran die Formel &#8222;Der Rest von Europa&#8220;. Jene Formel, die auch Antigona bei ihrer F&#252;hrung immer wieder erw&#228;hnt, wenn sie sagt: <em>we&#8217;re getting there - bald sind wir wie der Rest von  Europa.</em> Die Formel, &#252;ber die die albanische Philosophin Lea Ypi schreibt:</p><p>&#8222;W&#228;hrend dieser Jahre war <em>der Rest von Europa</em> mehr als ein Kampagnen-Slogan. Er stand f&#252;r eine spezifische Art zu leben, die sehr viel &#246;fter imitiert als verstanden und h&#228;ufiger absorbiert als gerechtfertigt wurde.&#8220;<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-1" href="#footnote-1" target="_self">1</a></p><p>Dann stehen wir vor dem Parlamentsgeb&#228;ude, &#8222;das Haus der Klimaanlagen&#8220;, wie Antigona es ironisch nennt, weil vor jedem Fenster eine h&#228;ngt. F&#252;r sie: Sinnbild der Verschwendung einer korrupten Regierung. Sie erz&#228;hlt uns, dass es bei der letzten nationalen Wahl nur noch 30% Wahlbeteiligung gab und sagt leidenschaftlich: &#8222;Es ist falsch, nicht zur Wahl zu gehen. Jede nicht abgegebene Stimme ist ein stilles Ja f&#252;r die Regierungspartei.&#8220;<br>Ich frage sie, wen sie lieber an der Macht sehen w&#252;rde. Sie wei&#223; es nicht. Sie selbst hat sowieso nicht w&#228;hlen k&#246;nnen, sagt sie. Sie war w&#228;hrend der Wahl mit einem studentischen Austauschprogramm im Ausland.</p><div class="digest-post-embed" data-attrs="{&quot;nodeId&quot;:&quot;5ba975cc-1033-4f20-9237-06ddce685e40&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Im Herbst 2022 war es dann so weit. Unser Leben in einem albanischen Dorf war Geschichte.&quot;,&quot;cta&quot;:&quot;Read full story&quot;,&quot;showBylines&quot;:true,&quot;size&quot;:&quot;lg&quot;,&quot;isEditorNode&quot;:true,&quot;title&quot;:&quot;Saranda, vom Meer aus gesehen: Die erste Idee zum Buch&quot;,&quot;publishedBylines&quot;:[{&quot;id&quot;:428039083,&quot;name&quot;:&quot;Marleen Oswald&quot;,&quot;bio&quot;:&quot;Die unerz&#228;hlte Geschichte Albaniens: Ein massiver Boom von finanziellen Betrugs-Schemes f&#252;hrt 1997 zu b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden. Was passierte damals wirklich? Ein literarisch-essayistischer Blick hinter die offizielle Geschichtsschreibung. &quot;,&quot;photo_url&quot;:&quot;https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg&quot;,&quot;is_guest&quot;:false,&quot;bestseller_tier&quot;:null}],&quot;post_date&quot;:&quot;2026-03-26T07:01:28.589Z&quot;,&quot;cover_image&quot;:&quot;https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/eddcebda-5234-49eb-b1a1-0f2f639385e0_4032x3024.jpeg&quot;,&quot;cover_image_alt&quot;:null,&quot;canonical_url&quot;:&quot;https://substack.com/home/post/p-187940660&quot;,&quot;section_name&quot;:null,&quot;video_upload_id&quot;:null,&quot;id&quot;:187940660,&quot;type&quot;:&quot;newsletter&quot;,&quot;reaction_count&quot;:9,&quot;comment_count&quot;:4,&quot;publication_id&quot;:7352007,&quot;publication_name&quot;:&quot;Marleen Oswald&quot;,&quot;publication_logo_url&quot;:&quot;https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!Il7e!,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg&quot;,&quot;belowTheFold&quot;:false,&quot;youtube_url&quot;:null,&quot;show_links&quot;:null,&quot;feed_url&quot;:null}"></div><h1>Wor&#252;ber die Museen schweigen</h1><p>Also die n&#228;chste logische Station: Die Museen zum Kommunismus. In Tirana gibt es ganze drei davon. Zwei davon liegen in ehemaligen, unterirdischen Regierungsbunkern, w&#228;hrend das dritte sich im &#8220;House of Leaves&#8221; befindet, dem ehemaligen &#220;berwachungszentrum eines Staates, der seine B&#252;rger bis in den letzten Winkel ihres Privatlebens kontrollieren wollte. Letzteres stellt vor allem die daf&#252;r verwendete Technik aus. Ansonsten enthalten alle diese Museen vor allem eins: Detaillierte Berichte &#252;ber Mord und Folter. Museen des Grauens. Eine so detailliert ausgearbeitete und emotional herausfordernde Dokumentation, dass ich beinah nicht gemerkt h&#228;tte, was darin <em>nicht </em>vorkommt. Welche wichtigen Fragen von den Museen nicht beantwortet werden.</p><p>Es sind genau zwei Fragen: Die nach dem Davor. Und die nach dem Danach.</p><p>Unter welchen Bedingungen konnte ein solcher Unrechtsstaat &#252;berhaupt entstehen? Woher kam der skrupellose Diktator Enver Hoxha und wie kam er an die Macht?</p><p>Und was geschah nach dem Ende des Kommunismus? Wohin gingen die Gef&#228;ngnisaufseher, Richter, F&#252;hrungskr&#228;fte der Geheimpolizei? Was taten die Menschen, die die Gef&#228;ngnisse und Arbeitslager &#252;berlebt hatten, nachdem sie wieder frei waren? </p><p>Die Geschichte, die die Museen erz&#228;hlen, beginnt abrupt mit dem Ende des zweiten Weltkrieges und endet eben so pl&#246;tzlich im Jahr 1991. Als w&#228;ren all diese finsteren Strukturen aus dem Nichts entstanden und dann wieder ins Nichts verschwunden. Was die Museen zeigen, ist eine Attraktion, eine emotionale Show. Eine Art reale Geisterbahn. Was die Museen nicht zeigen: Der systemische Hintergrund dieser Geschichten.</p><h2>Ein bisschen bekannt kommt mir das schon vor.</h2><p>In diesen Museen in Tirana erlebe ich wieder einmal das Ph&#228;nomen, was diese Recherche f&#252;r mich so besonders - und manchmal beunruhigend - machen wird. Der albanischen Geschichte n&#228;here ich mich von au&#223;en. Ich bin emotional ber&#252;hrt, aber nicht verstrickt. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich eine Geschichte erforsche, von der meine eigenen Gro&#223;eltern und Urgro&#223;eltern ein Teil waren. Oder eben die eines fremden Landes. </p><p>Durch meine Unvoreingenommenheit f&#228;llt es mir leicht, die L&#252;cken zu sehen. Fragen zu stellen. Doch die Fragen, die ich an dieses fremde Land stelle, werden immer h&#228;ufiger auch zu Spiegeln: Spiegel, in denen ich die Geschichte meines eigenen Landes pl&#246;tzlich neu betrachten muss. </p><p><strong>Pl&#246;tzlich frage ich mich: Ist nicht auch das, was wir in Deutschland &#8220;Aufarbeitung&#8221; nennen, zu einem gro&#223;en Teil einfach ein emotionales Spektakel?</strong></p><p>Der Geschichte des deutschen Faschismus bin ich bis zu diesem Moment vor allem emotional begegnet. Das intensive Gef&#252;hl der Schuld angesichts der deutschen Gr&#228;ueltaten hat mich als Kind manchmal nachts wachgehalten. Aber umso mehr ich &#252;ber den albanischen Kommunismus recherchiere, umso deutlicher wird mir, welche Fragen ich an meine eigene Geschichtserz&#228;hlung dadurch nie gestellt habe. </p><p>Schuld, Grauen, Angst und Wut haben die Geschichte f&#252;r mich eingefroren. Unerforschbar gemacht. </p><p><strong>In der Schule habe ich gelernt: Das darf nie wieder passieren. Aber ich habe nicht gelernt, die systemischen Gegebenheiten hinter der Entstehung von so etwas zu verstehen. </strong></p><p>Ich habe nicht gelernt, dass es einen Zusammenhang zwischen Kapital und Faschismus gibt. Ich habe nicht gelernt, welche Rolle internationale und wirtschaftliche Machtinteressen beim Entstehen des Dritten Reiches gespielt haben. Ich habe auch nicht gelernt, auf welche Weise staatliche Propaganda die Welt in Gut und B&#246;se aufteilt - und wie ich mich dagegen sch&#252;tzen k&#246;nnte. </p><h3>Ist Faschismus individuell?</h3><p>In der Besch&#228;ftigung damit gewinne ich allm&#228;hlich den Eindruck: Es gibt ein perfides, implizites Narrativ, was wir durch die deutsche Form der Geschichtsvermittlung alle &#252;bernehmen. Dieses Narrativ lautet platt ausgedr&#252;ckt: Der deutsche Faschismus war eine Graswurzelbewegung und hatte nichts mit staatlichen Machtinteressen zu tun. Seine Ursache liegt in der Boshaftigkeit und im Sadismus einzelner Menschen. Der einzige Weg dagegen ist, unsere innere Finsternis zu bek&#228;mpfen und so viel Verantwortung wie m&#246;glich in Systeme und B&#252;rokratie auszulagern, damit wir Individuen keinen Schaden anrichten k&#246;nnen.</p><p>Im Rahmen dieses Narratives halten wir st&#228;ndig wachsam Ausschau nach Nazis - aber bemerken keine &#196;hnlichkeiten mit faschistischen Strukturen in Systemen, Regeln, Gesetzen und Institutionen. </p><p>Wir sagen &#8220;Das ist der aktuelle Stand der Wissenschaft&#8221; und strafen einzelne ab, die anderes behaupten - ohne dabei zu ber&#252;cksichtigen, dass auch die &#8220;Rassenhygiene&#8221; Anfang des 20. Jahrhunderts wissenschaftlicher Standard war, und zwar lange vor dem Entstehen der NSDAP.</p><p>Wir suchen nach dem Faschismus immer in Individuen, nicht in Systemen. Und genau das macht uns als Kollektiv anf&#228;llig.</p><h1>Vom Versuch, der Geschichte n&#228;her zu kommen</h1><p>Die Geschichtsaufarbeitung, die mir in den albanischen Museen begegnet, ist genauso detailliert wie l&#252;ckenhaft. Ich wei&#223; jetzt sehr gut, welche Foltermethoden von der albanischen Geheimpolizei verwendet werden. Aber ich wei&#223; noch nicht, in welchem gr&#246;&#223;eren Zusammenhang all das steht. </p><p>Immer wieder denke ich an das Zitat von Lea Ypi: <em>&#8220;We never make history under the circumstances we chose.&#8221;</em></p><p>Kann ich der albanischen Geschichte n&#228;her kommen als es das offizielle Narrativ zulassen w&#252;rde - und damit auch irgendwie meiner eigenen? Kann ich tats&#228;chlich verstehen, unter welchen &#8220;Bedingungen&#8221; die Menschen Geschichte machen? Gerade die, die sich innerhalb der Geschichte nie als Akteure erlebt haben - sondern blo&#223; als Reagierende?</p><p>Mit diesen Fragen reise ich nach einer Woche weiter nach Saranda.</p><p></p><p><em>Mit dem orangefarbenen Button hier unten kommst du zu meiner Kaffeekasse. 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Coming of Age at the End of History. </em>Penguin, 2022</p><p></p></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA["Sie bringen uns bei, zu leben wie in Europa - und sagen gleichzeitig, dass das unmoralisch ist"]]></title><description><![CDATA[Wie wirtschaftliche Asymmetrien zu kultureller Zerrissenheit f&#252;hren]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/sie-bringen-uns-bei-zu-leben-wie</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/sie-bringen-uns-bei-zu-leben-wie</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Mon, 04 May 2026 19:22:25 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/3b92a012-fcb8-420e-9429-d55f713bad1c_4032x3024.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Zwei Geschichten will ich in diesem Artikel erz&#228;hlen. Ich habe sie von ganz unterschiedlichen Menschen geh&#246;rt und in zwei sehr unterschiedlichen L&#228;ndern. Und doch ist ihre innere Struktur verbl&#252;ffend &#228;hnlich. Sie zeigt uns, was wirtschaftliche Asymmetrien mit kulturellen Werten machen &#8211; und welche Folgen die daraus entstehende, wertem&#228;&#223;ige Orientierung nach Westen in der Psyche der Menschen hat.</p><h1>1. Albanischer Reality-TV</h1><p>Im S&#252;den Albaniens am Meer. Am Rande eines Dorfes, nur wenige Meter vom Meer entfernt, findet seit mehreren Tagen ein Festival statt. T. und ich haben es irgendwie geschafft, am Empfang Pressetickets zu bekommen, obwohl wir nat&#252;rlich nicht auf der Liste der Journalisten standen. Ein &#252;berzeugendes Auftreten hat gereicht und die Liste ist sowieso ziemlich lang: Vor Ort sind die verschiedensten albanischen Fernsehsender und Medien sowie die Vertreter einiger von der deutschen Entwicklungshilfe co-finanzierten Unternehmen und nat&#252;rlich der gr&#246;&#223;te albanische TV-Sender Top Channel. Die Kameram&#228;nner des letzteren verfolgen fast st&#228;ndig den einzigen Schwarzen, der auf dem Festival zu Gast ist, stolz &#252;ber das internationale Publikum.</p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;rs Lesen! Abonnieren Sie kostenlos, um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterst&#252;tzen.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="E-Mail-Adresse eingeben &#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Abonnieren"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><p>Am Abend des zweiten Tages finden wir uns in einer Gruppe junger Menschen aus Tirana wieder. Bier und Joints werden herumgereicht. Zwar ist Marihuana auf dem Festivalgel&#228;nde offiziell verboten. Der Schmuggel durch die Eingangskontrolle f&#228;llt aber leicht, denn die h&#246;flichen Security-M&#228;nner durchsuchen keine Frauen. Als das letzte Konzert des Tages vorbei ist, verlassen wir das Gel&#228;nde und quetschen uns in zwei Autos, um dann in einem wahnsinnigen Tempo die unasphaltierte Strandpromenade entlang zu rasen, immer hin und her. Es holpert und ruckelt, durch die heruntergelassenen Fenster dringt Staub, die Musikboxen sind auf volle Lautst&#228;rke gedreht. Zwischendrin halten beide Autos nebeneinander wie auf ein geheimes Kommando und alle steigen aus, um die n&#228;chsten Joints zu drehen.</p><p>Ich lehne am warmen Blech des Autos und unterhalte mich mit einer Frau, die f&#252;r das albanische Fernsehen arbeitet: Und zwar, so erz&#228;hlt sie mir, f&#252;r eine Reality-Sendung, deren Konzept in etwa dem deutschen &#8220;Promi Big Brother&#8221; &#228;hnelt. Was sind wohl die Unterschiede zwischen deutschem und albanischem Trash-TV, frage ich mich. Und da erz&#228;hlt mir die Mitarbeiterin des Fernsehsenders eine Geschichte, die ich nicht mehr vergessen werde: Weil sie mir etwas &#252;ber die albanische Kultur verr&#228;t, was ich bis dahin nicht erfassen konnte.</p><p>In einer Staffel ihrer Sendung, erz&#228;hlt mir die junge Frau, seien sich ein Mann und eine Frau n&#228;her gekommen; es entwickelte sich eine Liebesgeschichte. Parallel wurden die Familien der beiden dazu interviewt.</p><p><strong>Der Vater der Frau sagte vor den Kameras, er w&#252;nsche ihr viel Gl&#252;ck, es sei wichtig, dass sie ihrem Herzen folge und so weiter. Gleichzeitig rief er immer wieder bei dem Fernsehsender an und flehte die Mitarbeiter an, seiner Tochter zu sagen, sie m&#252;sse sofort damit aufh&#246;ren. Sie blamiere ihre Familie.</strong></p><p>Zerrissen zwischen zwei Wertesystemen versuchte dieser Vater, irgendwie beidem zu entsprechen: Einerseits dem am Westen orientierten Individualismus, in dem das pers&#246;nliche Gl&#252;ck der Tochter an erster Stelle steht. Andererseits ein traditionelles, familienorientiertes Wertesystem, in dem dasselbe Verhalten eine Bedrohung der Stabilit&#228;t und der gesellschaftlichen Position der Familie darstellt.</p><h1>2. Die marokkanische Schriftstellerin</h1><p>Einige Monate sp&#228;ter sitze ich in der einzigen Bar, die in der marokkanischen Stadt <a href="https://heutealsomorgen.de/2023/06/25/wie-wir-spontan-ein-vierstockiges-haus-in-marokko-mieteten-und-was-danach-geschah/">Chefchaouen</a> Alkohol ausschenkt. Bei Einbruch der D&#228;mmerung bin ich aus dem Haus gegangen, auf der Suche nach meinem Freund Said, der Maler ist und sein Atelier in der ber&#252;hmten blauen Altstadt hat. In dieser Bar habe ich ihn schlie&#223;lich gefunden und setze mich zu ihm. Am Tisch sitzen au&#223;erdem einige weitere M&#228;nner und &#8211; etwas sehr Au&#223;ergew&#246;hnliches &#8211; eine marokkanische Frau.</p><p>F&#252;r die Menschen von Chefchaouen ist diese Bar ein verruchter Ort. Und w&#228;hrend M&#228;nner sich ohne einen allzu gro&#223;en Verlust ihrer Reputation trotzdem dort aufhalten k&#246;nnen, sind die einzigen geduldeten Frauen Prostituierte und westliche Touristinnen wie ich. Diese Frau geh&#246;rt allerdings ganz offensichtlich in keine der beiden Kategorien. Zusammengekauert hinter dem aufgeklappten Schirm ihres Laptops nimmt sie kaum an den Gespr&#228;chen teil und raucht einen dicken Joint nach dem anderen. Mit ihrem schwarzen Pullover, den nachl&#228;ssig zusammengebundenen Haaren und dem vom Leben versehrten Gesicht sieht sie auch nicht aus als sei sie auf der Suche nach M&#228;nnern. Sie sei, erkl&#228;rt mir Said, Schriftstellerin; die Frau blickt nur kurz auf, l&#228;chelt mich warm an und h&#228;mmert dann weiter in die Tasten.</p><p>Ich bin schon eine ganze Weile an diesem Tisch gesessen, als sie schlie&#223;lich doch noch einmal von ihrem Laptop aufschaut und sich ein wenig mit mir unterh&#228;lt. Heute, sagt sie, sei ein ganz besonderer Tag: Denn heute sei es das erste Mal, dass sie in dieser Bar sitze und sich tats&#228;chlich wohl dabei f&#252;hle.</p><p>Daf&#252;r hat sie lange trainiert. Sie ist immer wieder in Bars wie diese gegangen. Sa&#223; am Rand, manchmal mit dem R&#252;cken zu allen anderen. Hat mit niemandem gesprochen. So lange, bis die M&#228;nner sich irgendwann an sie gew&#246;hnt hatten. St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck hat sie sich diese Freiheit erobert.</p><p>Aber sie erz&#228;hlt davon nicht mit Stolz. Eher so, als h&#228;tte f&#252;r diese Handlung eine Art innere Notwendigkeit bestanden. Und w&#228;hrend sie sich einen weiteren Joint anz&#252;ndet, sagt sie: Sie finde selbst nicht, dass sie hier sein sollte. Und sie w&#252;nsche sich, es w&#228;re verboten.</p><p>Warum das?, frage ich &#252;berrascht.</p><p>H&#246;r zu, sagt sie. Wir Marokkaner haben alle zwei Stimmen in unseren K&#246;pfen, die sich st&#228;ndig widersprechen. Von meiner Kultur aus sollte ich nicht hier sein. Aber was lesen wir in der Schule? Franz&#246;sische Literatur. Sie bringen uns bei, so leben zu wollen wie die Menschen in Frankreich, um uns gleichzeitig zu sagen, dass das etwas Schlechtes und Falsches ist. Und so sitze ich hier. Ich sehne mich danach, in diese Bar zu gehen und ich denke gleichzeitig, ich sollte daf&#252;r bestraft werden.</p><h1>Ein unl&#246;sbarer Konflikt</h1><p>Der albanische Vater und die marokkanische Schriftstellerin: Aus beiden spricht die gleiche Zerrissenheit. Der Versuch, zwei Wertesystemen zu gen&#252;gen, die sich gegenseitig widersprechen &#8211; und damit ein Konflikt, der sich nur unterdr&#252;cken, aber nie richtig l&#246;sen l&#228;sst.</p><p>Albanien und Marokko sind dabei sehr unterschiedliche L&#228;nder. In Marokko spielt der Islam eine gro&#223;e Rolle. In Albanien waren die meisten Menschen, die ich getroffen habe, mehr oder weniger Atheisten oder keiner bestimmten Religion zugeh&#246;rig. Das dortige traditionelle Wertesystem scheint sich eher aus dem Stammesrecht entwickelt zu haben, das in Albanien Jahrhunderte lang neben (und teilweise &#252;ber) der Ordnung der jeweiligen Herrschenden galt. In beiden Wertesystemen ist aber das Verhalten der Frauen extrem wichtig f&#252;r die Stabilit&#228;t der sozialen Ordnung und ihre Freiheit wird entsprechend eingeschr&#228;nkt. Etwas, was aus westlicher Sicht ein Unrecht darstellt.</p><div class="digest-post-embed" data-attrs="{&quot;nodeId&quot;:&quot;b9734744-2a0a-4454-a16c-08f1f79ea928&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;In meinem vorherigen Artikel &#252;ber die ersten Wochen in Albanien habe ich im letzten Absatz versucht, zumindest ansatzweise zu erkl&#228;ren, was mich 2021 so sehr an dieses Land gebunden hat. Das ist &#252;brigens eine Frage f&#252;r sich, die ich bis heute nicht in allen Facetten beantworten kann. Aber zumindest ein gro&#223;er Teil der Antwort liegt in dem Thema, was ich&#8230;&quot;,&quot;cta&quot;:&quot;Read full story&quot;,&quot;showBylines&quot;:true,&quot;size&quot;:&quot;lg&quot;,&quot;isEditorNode&quot;:true,&quot;title&quot;:&quot;Was sind kollektive Traumata?&quot;,&quot;publishedBylines&quot;:[{&quot;id&quot;:428039083,&quot;name&quot;:&quot;Marleen Oswald&quot;,&quot;bio&quot;:&quot;Die unerz&#228;hlte Geschichte Albaniens: Ein massiver Boom von finanziellen Betrugs-Schemes f&#252;hrt 1997 zu b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden. Was passierte damals wirklich? Ein literarisch-essayistischer Blick hinter die offizielle Geschichtsschreibung. &quot;,&quot;photo_url&quot;:&quot;https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg&quot;,&quot;is_guest&quot;:false,&quot;bestseller_tier&quot;:null}],&quot;post_date&quot;:&quot;2026-03-06T07:01:07.112Z&quot;,&quot;cover_image&quot;:&quot;https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/c700f4fc-9740-40ba-a919-5b8d63120f7d_960x1280.jpeg&quot;,&quot;cover_image_alt&quot;:null,&quot;canonical_url&quot;:&quot;https://substack.com/home/post/p-186858637&quot;,&quot;section_name&quot;:null,&quot;video_upload_id&quot;:null,&quot;id&quot;:186858637,&quot;type&quot;:&quot;newsletter&quot;,&quot;reaction_count&quot;:13,&quot;comment_count&quot;:9,&quot;publication_id&quot;:7352007,&quot;publication_name&quot;:&quot;Marleen Oswald&quot;,&quot;publication_logo_url&quot;:&quot;https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!Il7e!,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg&quot;,&quot;belowTheFold&quot;:true,&quot;youtube_url&quot;:null,&quot;show_links&quot;:null,&quot;feed_url&quot;:null}"></div><h2>Werte am Rand der westlichen Welt</h2><p>Beide L&#228;nder sind mehr oder weniger freiwillig nach Westen orientiert. Marokko durch die franz&#246;sische Kolonialisierung, die Verbindungen &#8211; und wahrscheinlich auch Abh&#228;ngigkeiten &#8211; geschaffen hat, die bis heute bestehen. Albanien, dessen Elite schon vor dem Kommunismus sehr nach Westeuropa orientiert war. Und wo nach dem Ende des Kommunismus die USA einen ma&#223;geblichen Einfluss auf die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung genommen haben. Heute ist Albanien unter den am Meisten gef&#246;rderten L&#228;ndern der deutschen Entwicklungshilfe und das Auswandern die beste berufliche Perspektive f&#252;r qualifizierte junge Menschen.</p><p><strong>Die Dynamik, die sich hier zeigt, ist folgende: Der wirtschaftlich st&#228;rkere Westen importiert die Fachkr&#228;fte und Ressourcen aus den L&#228;ndern am Rande des globalen Wirtschaftssystems. Und exportiert zugleich seine Werte und Kultur: Die empfundene &#220;berlegenheit der &#8220;westlichen&#8221; Kultur ist schlie&#223;lich eine Voraussetzung f&#252;r den erfolgreichen Export von Arbeitskr&#228;ften.</strong></p><p>Die Mechanismen daf&#252;r sind vielf&#228;ltig. Zuerst einmal das, was wir klassischerweise unter Kolonialisierung verstehen, die Unterwerfung und Ausbeutung eines anderen Landes mit milit&#228;rischen Mitteln. Dann die Einflussnahme durch Geld, Entwicklungshilfe und ausl&#228;ndische Investitionen. Damit Fachkr&#228;fte aus solchen L&#228;ndern in den Westen kommen, ist es notwendig, dass die westliche Art des Lebens der &#8220;eigenen&#8221; &#252;berlegen erscheint. Und schlie&#223;lich organisch, dort, wo das &#8220;fremde&#8221; Wertesystem L&#252;cken des eigenen schlie&#223;t. Wie bei der albanischen Studentin, die mir einmal freim&#252;tig erz&#228;hlte, sie fahre zweimal im Jahr nach Berlin, um Sex zu haben &#8211; sie habe es n&#228;mlich satt, dass ihre Familie hier sie sofort zum Heiraten &#252;berreden wolle, wenn sie nur einmal mit einem Mann gesehen w&#252;rde. Kurz: Wirtschaftliche Abh&#228;ngigkeiten und auch ganz einfach Verbindungen f&#252;hren auch zu einer Ver&#228;nderung der Werte.</p><h3>Aber das ist einfach kultureller Austausch - oder nicht?</h3><p>Erz&#228;hlen l&#228;sst sich das eben nicht allein mit dem Begriff des &#8222;kulturellen Austausches&#8220;. Denn in diesem scheinbaren Austausch herrscht eine Asymmetrie.</p><p>Was ich hier sehe, sind L&#228;nder, deren kulturelle Werte mir als Deutsche vor dem Reisen kaum bekannt und v&#246;llig unverst&#228;ndlich waren. Und die umgekehrt massiv gepr&#228;gt worden sind von den kulturellen Bildern aus dem Westen. Selbst wenn Menschen aus dem &#8220;Westen&#8221; in ein Land wie Albanien kommen, dann wird ihre Wahrnehmung der dortigen Kultur in der Regel gepr&#228;gt von der wirtschaftlichen Asymmetrie. Wenn Menschen als Touristen kommen, dann konsumieren sie Kultur eher als sie zu erleben, durch die Distanz, die durch das Ausgeben von Geld eingehalten werden kann.</p><p>Ich habe wieder und wieder digitale Nomaden gesehen, die wochenlang an einem Ort geblieben sind und nachher h&#246;chstens Klischees &#252;ber die Kultur und Werte der Menschen um sie herum wiedergeben konnten. Romantisierungen oder &#252;berhebliche Diagnosen von R&#252;ckst&#228;ndigkeit, die mehr &#252;ber die eigenen &#196;ngste und Hoffnungen der Reisenden aussagen als etwas &#252;ber das Land zu verraten, was sie besucht haben.</p><p><strong>Die &#8220;zwei Stimmen&#8221; im Kopf der marokkanischen Schriftstellerin sind also nicht das Ergebnis eines kulturellen Austausches, bei dem Menschen mit verschiedener Herkunft und Verankerung voneinander lernen und sich gemeinsam weiterentwickeln w&#252;rden. Sie sind das Ergebnis von asymmetrischen, wirtschaftlichen Strukturen.</strong></p><p>Was sich in der Psyche der betroffenen L&#228;nder zeigt, ist ein Ph&#228;nomen, das &#252;berall &#228;hnlich ist: Auf der einen Seite eine Orientierung hin zum westlichen Individualismus und zu Werten, die oft nicht in der Tiefe verstanden und gelebt werden und deren Annahme zu gro&#223;en Teilen eine Widerspiegelung der wirtschaftlichen Strukturen ist und eine Notwendigkeit, die daraus entsteht. Und auf der anderen Seite ein traditionelles Wertesystem, das in Momenten abgelehnt wird, in anderen Momenten in seiner Ablehnung des Neuen erstarrt und als Bollwerk gegen etwas &#8220;Aufgezwungenes&#8221; eine Inflexibilit&#228;t bekommt, die den nat&#252;rlichen Prozess der Weiterentwicklung und Modernisierung dieser Werte unterbricht. Auf diese Weise bedeutet Fortschritt f&#252;r L&#228;nder wie Albanien und Marokko immer eher eine Angleichung an den Westen als eine Weiterentwicklung der eigenen Traditionen und des eigenen kulturellen Erbes.</p><p>Kurz: Wie sich Wertesysteme innerhalb eines Landes oder einer &#8220;Kultur&#8221; entwickeln, ist stark gepr&#228;gt von den wirtschaftlichen Gegebenheiten. Und Wertekonflikte wie der in diesem Text beschriebene lassen sich &#252;berhaupt nicht verstehen, ohne die wirtschaftlichen Ungleichheiten einer globalisierten Welt mit einzubeziehen.</p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Sch&#246;n, dass du hier bist. 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Ende 1996 hatten diese Firmen sch&#228;tzungsweise 50 % des gesamten albanischen Bruttoinlandsprodukts angesammelt. Als sie zusammenbrachen, verloren 1,5 Millionen Investoren - etwa die H&#228;lfte aller Albaner - ihr Verm&#246;gen.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-1" href="#footnote-1" target="_self">1</a> Das Ergebnis? Wut, Massenproteste, der Zusammenbruch des Staates und eine Zeit der Anarchie, die das Land f&#252;r immer pr&#228;gen w&#252;rde.</p><p>Wie konnte es dazu kommen?</p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;rs Lesen! Abonnieren Sie kostenlos, um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterst&#252;tzen.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="E-Mail-Adresse eingeben &#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Abonnieren"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><h2>&#8220;Keine Erfahrung mit der Marktwirtschaft&#8221;</h2><p>Der deutsche Wikipedia-Artikel hat eine einfache Erkl&#228;rung: &#8220;Die Mehrheit der Albaner hatte keinerlei Erfahrung mit der Marktwirtschaft und war daher empf&#228;nglich f&#252;r Manipulation. Die rasante Verbreitung von Satelliten-TV f&#252;hrte den meisten Albanern die immensen Nachteile der &#252;ber 40-j&#228;hrigen Isolation vor Augen und n&#228;hrte den Wunsch nach schnellem Reichtum.&#8221;<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-2" href="#footnote-2" target="_self">2</a> Ein staatliches Machtvakuum also, in dem Kriminelle und korrupte Politiker die Naivit&#228;t der Menschen ausnutzten. Eine Anomalie. Etwas, was au&#223;erhalb des Systems geschieht - und ganz sicher kein Teil davon. Doch umso mehr ich &#252;ber das Thema las, umso mehr kamen mir Zweifel an dieser Erkl&#228;rung. </p><p><strong>Sicher ist die Naivit&#228;t von Menschen ein Faktor im Entstehen von Spekulationsblasen. Aber sie als haupts&#228;chliche Erkl&#228;rung zu verwenden, verschleiert die Bedingungen, unter denen solche Blasen entstehen.</strong></p><h2>Das Land der Milliard&#228;re</h2><p>Wie wenig ausreichend die Erz&#228;hlung der &#8220;Naivit&#228;t&#8221; und der &#8220;mangelnden Erfahrung mit der Marktwirtschaft&#8221; ist, zeigt eine Kolumne von Apollon Bace, die er in den 90er Jahren schrieb und mit &#8220;Albarado&#8221; betitelte - eine Anspielung auf die sagenumwobene Goldstadt im Amazonas. In einem von Musaraj zitierten Ausschnitt dieser Kolumne hei&#223;t es: </p><p>&#8220;Fast alle B&#252;rger von Albarado erbten von der schrecklich roten Diktatur eine Wohnung, die ihnen die fr&#246;hlich blaue Demokratie als Geschenk &#252;berreichte.</p><p>Der Wert der rot-blauen Wohnung betr&#228;gt 25.000 US-Dollar ... Dank einer furchtbar einfachen alchemischen Formel wird der B&#252;rger innerhalb von drei Monaten zum Eigent&#252;mer des Vierfachen von 25.000 US-Dollar, also von 100.000 US-Dollar! Das ist erst der Anfang unendlicher F&#252;lle! Wenn er das Geld noch drei weitere Monate bei den Wohlt&#228;tigkeitsorganisationen l&#228;sst... wird er Eigent&#252;mer von 400.000 US-Dollar. Bis zum Jahresende 3,2 Millionen US-Dollar, zu Beginn des neuen Jahrtausends, im Jahr 2000, wird er Eigent&#252;mer von 241 Millionen US-Dollar sein ... Und wenn man bedenkt, dass es 50.000 Wohnungen gibt, die den B&#252;rgern von Albarado geh&#246;ren!&#8220;<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-3" href="#footnote-3" target="_self">3</a></p><p>Ist &#8220;mangelnde Erfahrung mit der Marktwirtschaft&#8221; eine ausreichende Erkl&#228;rung, um ein solches Wohlstandsversprechen zu glauben? Dazu m&#252;sste man zus&#228;tzlich noch davon ausgehen, dass die H&#228;lfte aller Albaner nicht rechnen konnte. Was also f&#252;hrte dazu, dass die Pyramidenfirmen f&#252;r so viele Menschen glaubhaft waren?</p><h3>Wie Medien und Politik den Finanzbetrug legitimierten</h3><p>Der erste Faktor: Baces Kolumne war eine absolute Ausnahme. In den albanischen Medien zu dieser Zeit wurde &#252;ber alles M&#246;gliche gestritten - nur nicht &#252;ber die Pyramiden. Neben den Werbeanzeigen der verschiedenen Pyramidenfirmen erschienen Leitartikel, die ein globales, westlich gepr&#228;gtes Finanzvokabular mit vielen Anglizismen verwendeten. Die Firmen, eigentlich kein Teil des formalen Finanzsektors, wurden hier als eine Art Investmentbanken beschrieben. Die aktuellen Profitraten der jeweiligen Pyramiden wurden direkt neben den Wechselkursen der Fremdw&#228;hrungen abgedruckt, was ihnen zus&#228;tzliche Legitimit&#228;t verlieh.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-4" href="#footnote-4" target="_self">4</a> </p><p>Das erkl&#228;rt auch, warum der erste Albaner, der mir von dieser Geschichte erz&#228;hlte, von &#8220;Banken&#8221; sprach. Es habe, sagte dieser Mann, in den 90er Jahren Banken gegeben, die von einem auf den anderen Tag geschlossen und das Geld der Anleger mitgenommen h&#228;tten. Aus diesem Grund habe er bis heute kein Bankkonto. Diese Aussage verdeutlicht, wie die Trennung zwischen formellem und informellem Finanzsektor in der Wahrnehmung gerade weniger gebildeter Menschen gar nicht existierte. </p><p>Ein recht offensichtlicher Grund f&#252;r die positive Repr&#228;sentation der Pyramiden in den Medien besteht darin, dass die Firmen zu dieser Zeit die Hauptsponsoren f&#252;r Fernsehprogramme, kulturelle Events und sogar Wahlkampagnen waren.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-5" href="#footnote-5" target="_self">5</a> Entsprechend erhielten die Pyramiden &#252;ber alle Parteien hinweg Support. Wiederholt zeigte sich der damalige Staatschef Sali Berisha im Fernsehen mit den Eigent&#252;mern der gr&#246;&#223;ten Pyramiden. Die Pyramiden erschienen den Investoren dieser Zeit also nicht wie eine neben dem System bestehende, unregulierte Lotterie - sondern wie die Repr&#228;sentanten des neuen Kapitalismus.</p><p>Als Erstes l&#228;sst sich also feststellen, dass der Staat und seine Repr&#228;sentanten keine unt&#228;tigen Beobachter dieser Spekulationsblase waren, sondern dass sie sie aktiv vorantrieben. Auch auf dieser Ebene reden wir aber noch von einfacher Korruption und menschlichem Versagen. Wie sehr die Ereignisse von 1997 aber auch eine Auswirkung des globalen Finanzsystems waren, wird deutlich, wenn wir noch einen Schritt zur&#252;cktreten. </p><h2>Das M&#228;rchen von der &#8220;albanischen Erfolgsgeschichte&#8221;</h2><p>In den 90er Jahren erlebte Albanien einen schnellen Umschwung von einem streng abgeriegelten, kommunistischen Staat hin zu dem, was einmal eine &#8220;moderne Marktwirtschaft&#8221; werden sollte. Ab 1992 waren die Berater von IMF und Weltbank im Land pr&#228;sent und verordneten die &#252;bliche Formel von Preisliberalisierung, K&#252;rzung von staatlichen Subventionen und Eind&#228;mmung der Inflation. Staatliche Unternehmen wurden privatisiert, kollektives Land an Individuen vergeben. Und in den ersten Jahren schienen diese vom albanischen Staat konsequent umgesetzten Vorgaben auch Fr&#252;chte zu tragen. Die Inflation sank und die Produktion stieg. In der Hauptstadt Tirana sah man neue Mercedes, neue Caf&#233;s, neue L&#228;den, neue Hochh&#228;user, und IMF und Weltbank nannten Albanien eine &#8220;Erfolgsgeschichte&#8221; und ihren &#8220;Starsch&#252;ler&#8221;.</p><p>Doch dieses Lob ignorierte ein paar essentielle Fakten. Zum einen waren die offiziellen Zahlen offenbar erheblich nach oben manipuliert. Selbst davon abgesehen ist das damalige Wachstum sehr viel weniger beeindruckend, wenn man die Nummern nicht mit dem absoluten Tiefpunkt von 1990/91 vergleicht, sondern mit der Vergangenheit. In der Realit&#228;t blieb das BIP bis zum Jahr 2000 unter dem Level von 1989. Die Wirtschaft stand auf drei wackligen S&#228;ulen: &#220;berweisungen von Albanern, die im Ausland arbeiteten, Entwicklungshilfe und illegaler Handel. Eine ganz wesentliche Einnahmequelle war der illegale Verkauf von &#214;l nach Jugoslawien, das zu dieser Zeit unter einem US-Embargo stand.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-6" href="#footnote-6" target="_self">6</a></p><p></p><div class="digest-post-embed" data-attrs="{&quot;nodeId&quot;:&quot;a272be03-5b93-4fd5-bebf-5e0ea92d34bc&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;2021 endet mein erster Aufenthalt in Albanien nach ein paar Wochen. Mit meinem damaligen Partner mache ich mich zu Fu&#223; auf den Weg &#252;ber die Grenze nach Griechenland. Ein Land, was ich von einer meiner ersten Reisen mit knapp 18 Jahren in sch&#246;nster Erinnerung habe. Doch diesmal gibt es einen gro&#223;en Unterschied: Wir haben kein Geld.&quot;,&quot;cta&quot;:&quot;Read full story&quot;,&quot;showBylines&quot;:true,&quot;size&quot;:&quot;lg&quot;,&quot;isEditorNode&quot;:true,&quot;title&quot;:&quot;Wie es ist, in einem Dorf in Albanien zu leben&quot;,&quot;publishedBylines&quot;:[{&quot;id&quot;:428039083,&quot;name&quot;:&quot;Marleen Oswald&quot;,&quot;bio&quot;:&quot;Die unerz&#228;hlte Geschichte Albaniens: Ein massiver Boom von finanziellen Betrugs-Schemes f&#252;hrt 1997 zu b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden. Was passierte damals wirklich? Ein literarisch-essayistischer Blick hinter die offizielle Geschichtsschreibung. &quot;,&quot;photo_url&quot;:&quot;https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg&quot;,&quot;is_guest&quot;:false,&quot;bestseller_tier&quot;:null}],&quot;post_date&quot;:&quot;2026-03-16T07:02:08.784Z&quot;,&quot;cover_image&quot;:&quot;https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/3d332a44-d182-4811-b886-a3acc05300aa_4032x3024.jpeg&quot;,&quot;cover_image_alt&quot;:null,&quot;canonical_url&quot;:&quot;https://substack.com/home/post/p-187204509&quot;,&quot;section_name&quot;:null,&quot;video_upload_id&quot;:null,&quot;id&quot;:187204509,&quot;type&quot;:&quot;newsletter&quot;,&quot;reaction_count&quot;:13,&quot;comment_count&quot;:3,&quot;publication_id&quot;:7352007,&quot;publication_name&quot;:&quot;Marleen Oswald&quot;,&quot;publication_logo_url&quot;:&quot;https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!Il7e!,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg&quot;,&quot;belowTheFold&quot;:true,&quot;youtube_url&quot;:null,&quot;show_links&quot;:null,&quot;feed_url&quot;:null}"></div><p></p><h3>Wie die Pyramiden finanzielle Teilhabe erm&#246;glichten</h3><p>Wie die Anthropologin Smoki Musaraj in ihrem Buch &#8220;Tales from Albarado&#8221; au&#223;erdem deutlich macht, dienten die Pyramiden als Br&#252;cke zwischen dem offiziellen Finanzsystem und den Menschen, die zu diesem Finanzsystem keinen ausreichenden Zugang hatten. Zu dieser Zeit operierte in Albanien lediglich die Staatsbank. &#220;berweisungen dauerten oft viele Tage und die Richtlinien f&#252;r Kredite waren gerade durch die internationalen Vorgaben sehr streng. Die neue Wirtschaftsform war mit einem Versprechen gekommen: Wohlstand, die F&#246;rderung von individueller Initiative, die M&#246;glichkeit, zu investieren. F&#252;r die vielen Menschen, die nach der Schlie&#223;ung der Staatsbetriebe ihre Jobs verloren hatten, boten die Pyramidenfirmen eine M&#246;glichkeit der finanziellen Teilhabe, die ihnen andernfalls verwehrt geblieben w&#228;re. Selbst wenn gerade gebildete Albaner von Anfang an Zweifel an der Solvenz dieser Firmen hegten, hofften sie, ihr Geld rechtzeitig wieder abheben zu k&#246;nnen.</p><h3>Koffer voller Geld und der humane Kapitalismus</h3><p>Auch aus politischer Sicht zeigt sich eine gewisse Alternativlosigkeit. Zum einen wurden die Pyramidenfirmen wohl gebraucht, um das Geld aus dem Schmuggel zu waschen. Der illegale Handel wiederum bildete eine zentrale Voraussetzung f&#252;r die international so hochgelobte, positive wirtschaftliche Entwicklung, w&#228;hrend die ehemaligen Staatsbetriebe geschlossen wurden und die Felder der Landwirtschaftskollektive brachlagen. Gleichzeitig federten die Firmen die negativen Folgen der Privatisierung ab. Eine Familie, die 1000 Dollar investierte, konnte 60 Dollar im Monat verdienen, etwas weniger als ein durchschnittlicher Monatslohn.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-7" href="#footnote-7" target="_self">7</a></p><p>Die Pyramiden wurden so zur Lebensgrundlage von einem gro&#223;en Teil der albanischen Familien. Sie erf&#252;llten eben das Wohlstandsversprechen, was den Kapitalismus gegen&#252;ber dem Kommunismus so attraktiv machte. Der albanische Kommunismus hatte bedeutet: Armut f&#252;r alle. Der neue Kapitalismus h&#228;tte realistischerweise wohl erst einmal bedeutet: Armut f&#252;r viele und Reichtum f&#252;r manche. Doch die gro&#223;en Pyramidengesellschaften wie die Vefa Holding versprachen in ihren Werbeanzeigen einen &#8220;humanen Kapitalismus&#8221;.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-8" href="#footnote-8" target="_self">8</a> </p><p>Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, zu beachten, dass es sich hier um keine abstrakten Spekulationen handelte, wie wir sie etwa von der B&#246;rse kennen. Ihre Investitionen t&#228;tigten die Albaner in Bargeld. Der Wohlstand war da, greifbar: Und so handeln die Geschichten ehemaliger Investoren von Koffern, Taschen, Stapeln von Geld, von B&#252;ndeln von Scheinen, in die Socken und unter die Kleidung gestopft, um sie aus dem Ausland nach Albanien zu bringen. </p><p>Welche demokratisch gew&#228;hlte Regierung h&#228;tte es sich unter diesen Umst&#228;nden leisten k&#246;nnen, die Pyramiden zu schlie&#223;en? </p><p><strong>Arben Imami von der albanischen demokratischen Partei brachte es im Nachhinein auf den Punkt: &#8220;Man h&#228;tte uns als volksfeindlich angesehen. Sich gegen sie [die Pyramiden] zu stellen, bedeutete, sich gegen alle zu stellen.&#8221;<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-9" href="#footnote-9" target="_self">9</a></strong></p><h2>Warum niemand die Pyramiden stoppte - und wie ein ganzes Land am illegalen &#214;lhandel verdiente</h2><p>Ende 1995 endete der Bosnien-Krieg und die Vereinten Nationen hoben ihre Sanktionen gegen Jugoslawien auf. &#220;ber Nacht verlor Albanien seinen lukrativen &#214;lhandel. Ohne die Einnahmen aus dem Schmuggel waren die Pyramiden gezwungen, immer mehr neue Investoren anzuziehen, um zu &#252;berleben: Der Beginn einer Abw&#228;rtsspirale, die mit dem Crash Ende 1996/Anfang 1997 endete.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-10" href="#footnote-10" target="_self">10</a></p><p>Dass so viele Menschen ihr Geld in die Pyramiden investierten, lag also nicht an &#252;berdurchschnittlicher Naivit&#228;t oder mangelnder Erfahrung mit der Marktwirtschaft. Es lag an einem unrealistischen kapitalistischen Wohlstandsversprechen, massiver Werbung von Politik und Medien und dem Fehlen von Alternativen. Und es waren auch nicht einfach nur einzelne korrupte Politiker, die die Pyramidenfirmen nicht schlie&#223;en wollten. Es war ein ganzes System mit vielen verschiedenen Interessenten: Eine Regierung, die wiedergew&#228;hlt werden wollte; internationale Institutionen, die das Funktionieren ihrer Formel und die &#220;berlegenheit des Kapitalismus gegen&#252;ber dem Kommunismus beweisen mussten; das organisierte Verbrechen, dessen Geld gewaschen werden musste; und schlie&#223;lich und endlich ein Volk, was f&#252;r eine kurzen und illusorischen Moment einen Kapitalismus erlebte, in dem tats&#228;chlich jeder mitverdienen und teilhaben konnte.</p><h3>Finanzspekulationen sind kein exotisches Ph&#228;nomen</h3><p>In der Einleitung zu ihrem Buch schreibt Musaraj: &#8220;Die albanischen Unternehmen entstanden nicht aus Unkenntnis des Kapitalismus, sondern wurden durch bestimmte wirtschaftliche Prozesse des &#220;bergangs von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft erm&#246;glicht.&#8221;<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-11" href="#footnote-11" target="_self">11</a> </p><p>Krisen, Blasen und Finanzspekulationen sind kein Ph&#228;nomen au&#223;erhalb der Marktwirtschaft. Sie sind ein Kernbestandteil kapitalistischer Volkswirtschaften. Das gilt auch f&#252;r die albanischen Pyramiden - und das Verhalten der Investoren einfach nur mit pers&#246;nlicher Naivit&#228;t zu erkl&#228;ren, verkennt den systemischen Hintergrund solcher Ph&#228;nomene. Er verschleiert au&#223;erdem, wie sehr solche Spekulationen und die dahinterstehenden Wertesysteme uns selbst betreffen und unsere Lebensrealit&#228;t gestalten.</p><p></p><p><em>Danke f&#252;rs Lesen! Wenn du in diesem Text etwas Neues gelernt hast, dann steht hier meine Kaffeekasse. Das freut und motiviert mich jedesmal sehr. Danke an die, die bereits auf diesen Button gedr&#252;ckt haben :)</em></p><p class="button-wrapper" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://ko-fi.com/marleenoswald&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Kauf mir einen Kaffee&quot;,&quot;action&quot;:null,&quot;class&quot;:null}" data-component-name="ButtonCreateButton"><a class="button primary" href="https://ko-fi.com/marleenoswald"><span>Kauf mir einen Kaffee</span></a></p><p></p><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-1" href="#footnote-anchor-1" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">1</a><div class="footnote-content"><p>Die Zahlen hierzu sind umstritten - wie viel Geld genau die Pyramidenfirmen am Ende hielten, bleibt ungekl&#228;rt. Die hier genannten Zahlen stammen von Smoki Musaraj (Smoki Musaraj: <em>Tales from Albarado. Ponzi Logics of Accumulation in Postsocialist Albania. </em>Cornell University Press 2020, S. 1). Fred C. Abrahams (<em>Modern Albania. From Dictatorship to Democracy in Europe. </em>New York University Press 2015, S. 177) nennt Sch&#228;tzungen im Bereich von 1.2 Billionen Dollar, investiert von einem Drittel der Bev&#246;lkerung bis hin zu 2 Billionen Dollar, investiert von 60% der Albaner. Das offizielle BIP Albaniens zu dieser Zeit betrug etwa 3 Billionen Dollar. </p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-2" href="#footnote-anchor-2" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">2</a><div class="footnote-content"><p>http://de.wikipedia.org/wiki/Lotterieaufstand , Stand 19.03.26, 11:45 Uhr</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-3" href="#footnote-anchor-3" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">3</a><div class="footnote-content"><p>Apollon Bace. <em>Politika dhe Dollarit ose Politika e Dollarit. </em>In <em>Dita Informacion, </em>21.05.1996. Zitiert nach:<em> </em>Smoki Musaraj: <em>Tales from Albarado. Ponzi Logics of Accumulation in Postsocialist Albania. </em>Cornell University Press 2020. &#220;bersetzt aus dem Englischen mit deepl.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-4" href="#footnote-anchor-4" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">4</a><div class="footnote-content"><p>Smoki Musaraj: <em>Tales from Albarado. Ponzi Logics of Accumulation in Postsocialist Albania. </em>Cornell University Press 2020, S. 45f.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-5" href="#footnote-anchor-5" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">5</a><div class="footnote-content"><p>Smoki Musaraj: <em>Tales from Albarado</em>, S. 54f.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-6" href="#footnote-anchor-6" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">6</a><div class="footnote-content"><p>Fred C. Abrahams: <em>Modern Albania. From Dictatorship to Democracy in Europe. </em>New York University Press 2015, S. 169f.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-7" href="#footnote-anchor-7" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">7</a><div class="footnote-content"><p>Fred C. Abrahams: <em>Modern Albania</em>, S. 171.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-8" href="#footnote-anchor-8" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">8</a><div class="footnote-content"><p>Smoki Musaraj: <em>Tales from Albarado,</em> S. 48.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-9" href="#footnote-anchor-9" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">9</a><div class="footnote-content"><p>zitiert von Fred C. Abrahams, S. 175, aus dem Englischen &#252;bersetzt mit deepl.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-10" href="#footnote-anchor-10" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">10</a><div class="footnote-content"><p>Fred C. Abrahams: <em>Modern Albania</em>, S. 176.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-11" href="#footnote-anchor-11" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">11</a><div class="footnote-content"><p>Smoki Musaraj: <em>Tales from Albarado,</em> S. 4.</p></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Albanien: Reisen durch ein verschwindendes Land. Ein Erfahrungsbericht]]></title><description><![CDATA[Wie der Tourismus unsere Beziehung zur Welt ver&#228;ndert]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/albanien-reisen-durch-ein-verschwindendes</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/albanien-reisen-durch-ein-verschwindendes</guid><pubDate>Tue, 14 Apr 2026 11:37:38 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/40266c8b-a311-4641-94f7-cf3b8d30c184_1600x720.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Was habe ich Albanien vermisst, denke ich, als das Taxi sich im Schritttempo vom Flughafen entfernt. Vor f&#252;nf Tagen wusste ich noch nicht mal, dass ich diese Reise unternehmen werde - und jetzt sitze ich hier, das Kind schl&#228;ft auf meinem Scho&#223; und mein Reisebegleiter Bledi f&#252;hrt vorne ein monotones, freundliches Gespr&#228;ch mit dem Taxifahrer, in dem es (so weit ich verstehe) ziemlich viel um Preise geht, um Stra&#223;en, um Autos, um Leben. Drau&#223;en vor dem Fenster ziehen die interessantesten Dinge vorbei. Verrottende Milit&#228;rflugzeuge, Blumengesch&#228;fte, in denen alle Blumen aus Plastik sind, ein Mann, der seine Kuh an einem Seil hinter sich herzieht und die verschiedensten und absurdesten Bauwerke. H&#228;user, denen man die Abwesenheit von B&#252;rokratie ansieht und das Sendungsbewusstsein und den Ideenreichtum ihrer Bewohner.</p><p>In mir atmet etwas auf. Auch in dieser Lebensphase, in der ich wieder gerne in Deutschland bin, kann ich nicht leugnen, dass ein Teil von mir dort &#228;sthetisch verhungert. Dabei ist eine Stadt wie Tirana nach klassischen Ma&#223;st&#228;ben nicht sch&#246;n. Ich denke an das deutsche Rentnerpaar, was im Flugzeug neben uns sa&#223; und sich jetzt vielleicht gerade mit seinem Mietwagen durch die verstopften Stra&#223;en dr&#228;ngt. Sicher werden sie entsetzt sein von dieser Stadt, die sich immer irgendwo zwischen Verfall und ewiger Baustelle zu befinden scheint. Wenn ich also sage, dass mein Bed&#252;rfnis nach &#196;sthetik hier zutiefst gen&#228;hrt wird, dann meine ich nicht Ordnung oder Harmonie. Ich meine, schlicht und ergreifend, die Abwesenheit von Gleichf&#246;rmigkeit und den Ausdruck individueller Kreativit&#228;t, wie hilflos diese Kreativit&#228;t auch manchmal sein mag. </p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;rs Lesen! Abonnieren Sie kostenlos, um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterst&#252;tzen.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="E-Mail-Adresse eingeben &#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Abonnieren"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><p>Aber vielleicht sollte ich erst einmal erkl&#228;ren, wie es &#252;berhaupt zu dieser spontanen Reise gekommen ist.</p><h2>Eine unwiderstehliche Gelegenheit</h2><p>Wer diesen Newsletter schon l&#228;nger liest, dem wird der Name meines Reisebegleiters bekannt vorkommen. Bledi ist der Mann, dessen Text &#252;ber Saranda mich urspr&#252;nglich zu meinem Roman inspiriert hat. Poet, Kellner in M&#252;nchen, Zeitzeuge des gro&#223;en albanischen Wandels in den 90er Jahren und ein Mann mit einem Traum: Touristen durch sein Land zu f&#252;hren, auf seine Weise, abseits der bekannten Ziele. Vor knapp zwei Wochen hat er mich deshalb kontaktiert - er brauche, sagte er, jemanden aus Deutschland, mit dem er in Albanien Videos machen k&#246;nne, um f&#252;r eine erste solche Tour zu werben. Jemanden, der ihn in Zukunft vielleicht auch begleiten k&#246;nnte. Er w&#252;rde daf&#252;r die kompletten Kosten dieser Reise &#252;bernehmen. Wie immer war ich langsam im Antworten und schrieb mehrere Tage nicht zur&#252;ck. Schlie&#223;lich fragte er direkt: &#8220;Willst du nicht mitkommen?&#8221;</p><p>Wann willst du denn los, fragte ich. Und er: N&#228;chsten Dienstag.</p><p>Das war Freitag. Zwei Stunden, bevor die Kreisverwaltung schlie&#223;en w&#252;rde. In diesen zwei Stunden sprach ich mit meinem &#252;berrumpelten Mann, buchte die Fl&#252;ge und rannte mit dem Kind aufs Amt, um noch schnell einen Pass zu besorgen. Ich glaube, wenn man Gelegenheiten blo&#223; aus mangelnder Flexibilit&#228;t ausschl&#228;gt, dann sind das genau die Entscheidungen, die man sp&#228;ter bereut.</p><p>Vier Tage sp&#228;ter sind wir in Tirana. </p><h3>Kirche, Moschee - oder beides in einem?</h3><p>Am n&#228;chsten Tag geht es mit dem Sammeltaxi weiter nach Saranda, dann mit einem schwarzen Mercedes in das D&#246;rfchen Kalas. Eine Autofahrt von mehreren Stunden, die das Kind an seine Grenzen bringt. Kaum sind wir aber in dem Dorf angekommen, ist die Welt wieder in Ordnung. Es ist sonnig und windig. Die Wiesen sind mit Margeriten &#252;bers&#228;t und das kleine Dorfcaf&#233; befindet sich neben einer riesigen, alten Platane, umrandet von einem steinernen B&#228;nkchen, wie man sie hier in vielen D&#246;rfern sieht. Ein Platz, der fr&#252;her als Dorfparlament gedient hat, wie mir Bledi erkl&#228;rt. &#220;berhaupt spricht er von den Eigenheiten, der Geschichte und den Ansichten jedes Dorfes, als handele es sich dabei um eigene, kleine L&#228;nder. </p><p>Doch noch eine zweite albanische Besonderheit gibt es hier zu sehen, die auch mir v&#246;llig neu ist: Ein r&#228;tselhaftes Geb&#228;ude, dessen Dach von vier gr&#252;n-wei&#223; gestreiften Kuppeln gekr&#246;nt ist. Es handelt sich dabei um ein religi&#246;ses Bauwerk einer Glaubensrichtung, die fast nur in Albanien existiert und eine Mischung zwischen Islam und Christentum ist. Im Inneren besteht es aus zwei d&#228;mmrigen R&#228;umen, die mit Teppichen ausgelegt sind. Es gibt einen kleinen Altar mit Kerzen, zwei Christb&#228;ume aus Plastik und &#252;berall stehen Sch&#252;sseln mit S&#252;&#223;igkeiten - &#8220;to make you feel welcome&#8221;, wie Bledi erkl&#228;rt, damit man sich willkommen f&#252;hlt. Im hinteren Raum schlie&#223;lich befinden sich die Attrappen zweier S&#228;rge. Das, sagt mein F&#252;hrer, sei eine Darstellung des Grabes des &#8220;Vaters&#8221; und des &#8220;Vaters des Vaters&#8221;.</p><h3>Reisen als Suche nach der verlorenen Zukunft</h3><p>Ich w&#252;rde gerne mehr wissen. Aber besser als das kann er es nicht erkl&#228;ren. In den n&#228;chsten Tagen werde ich immer mehr feststellen, wie schlecht er &#252;ber die Historie Bescheid wei&#223;. Oder besser: Es ist, als w&#228;re sein Gehirn nicht in der Lage, sich den Teil der Geschichte zu merken, den Reisef&#252;hrer &#252;blicherweise auswendig lernen, ohne einen gro&#223;en Bezug dazu zu haben. Bei Bledi gibt es weder Jahreszahlen noch gro&#223;e Zusammenh&#228;nge noch politisch gef&#228;rbte Interpretationen. Was er erz&#228;hlt, sind entweder pers&#246;nliche Erinnerungen oder die Geschichten, die Menschen sich selbst &#252;ber die jeweiligen Orte erz&#228;hlen. </p><p>Auch wenn er seinen Beruf gelernt und ein Diplom daf&#252;r hat, auch wenn er vor mir schon viele Menschen so durch sein Land gef&#252;hrt hat und die Orte und Strecken in- und auswendig kennt: Das Reisen mit ihm gleicht einer st&#228;ndigen Suche. Einer Suche nach dem noch Unber&#252;hrten, dem, was abseits vom Weg liegt, den Spuren dieser albanischen Vergangenheit, die in Saranda l&#228;ngst unter Beton vergraben liegt. Wie er es selbst erkl&#228;rt hat: Umso weiter seine Geburtsstadt durch den Tourismus gewachsen war, umso weiter hatte er gehen m&#252;ssen, um das wiederzufinden, woran er sich aus seiner Kindheit erinnerte. Den speziellen Duft von Pinien und Meer, die blumen&#252;bers&#228;ten Wiesen und knorrigen Olivenhaine, das stille, schimmernde Land, was unter der Sonne zittert. </p><p><strong>&#8220;Wenn wir mit Touristen kommen&#8221;, erkl&#228;rt er mir, &#8220;dann werde ich ihnen Saranda nicht zeigen, h&#246;chstens kurz.&#8221;</strong></p><p><strong>&#8220;Warum?&#8221;, frage ich. Er verzieht schmerzlich das Gesicht, in einer Emotion, die er nicht richtig ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen scheint; aber als ich frage, ob es sich dabei um Scham handelt, nickt er. </strong></p><p></p><div class="digest-post-embed" data-attrs="{&quot;nodeId&quot;:&quot;edffd8d3-2452-40ff-9807-0dc63bcc5e00&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Fr&#252;hling 2022. In dem K&#252;stendorf Borsh im S&#252;den Albaniens steht die gesch&#228;ftige Sommersaison kurz bevor. Entlang des Strandes bereiten sich die Besitzer der Bars und Restaurants auf das &#214;ffnen vor. Es werden W&#228;nde gestrichen, Sonnensegel aufgebaut und die Strandm&#246;bel geputzt: Wo im Winter nur ein paar Bretterh&#252;tten und die ein oder andere verwaiste Beto&#8230;&quot;,&quot;cta&quot;:&quot;Read full story&quot;,&quot;showBylines&quot;:true,&quot;size&quot;:&quot;lg&quot;,&quot;isEditorNode&quot;:true,&quot;title&quot;:&quot;Der Sommer, in dem die Strandbars verschwanden&quot;,&quot;publishedBylines&quot;:[{&quot;id&quot;:428039083,&quot;name&quot;:&quot;Marleen Oswald&quot;,&quot;bio&quot;:&quot;Die unerz&#228;hlte Geschichte Albaniens: Ein massiver Boom von finanziellen Betrugs-Schemes f&#252;hrt 1997 zu b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden. Was passierte damals wirklich? Ein literarisch-essayistischer Blick hinter die offizielle Geschichtsschreibung. &quot;,&quot;photo_url&quot;:&quot;https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg&quot;,&quot;is_guest&quot;:false,&quot;bestseller_tier&quot;:null}],&quot;post_date&quot;:&quot;2026-04-04T06:01:34.827Z&quot;,&quot;cover_image&quot;:&quot;https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/6e89aca3-aecb-48f0-8e2e-7a9ade94934a_1040x780.jpeg&quot;,&quot;cover_image_alt&quot;:null,&quot;canonical_url&quot;:&quot;https://substack.com/home/post/p-188029648&quot;,&quot;section_name&quot;:null,&quot;video_upload_id&quot;:null,&quot;id&quot;:188029648,&quot;type&quot;:&quot;newsletter&quot;,&quot;reaction_count&quot;:7,&quot;comment_count&quot;:0,&quot;publication_id&quot;:7352007,&quot;publication_name&quot;:&quot;Marleen Oswald&quot;,&quot;publication_logo_url&quot;:&quot;https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!Il7e!,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg&quot;,&quot;belowTheFold&quot;:true,&quot;youtube_url&quot;:null,&quot;show_links&quot;:null,&quot;feed_url&quot;:null}"></div><p></p><h3>Wasserf&#228;lle, verlassene D&#246;rfer und unglaubliche Sch&#246;nheit</h3><p>Auf diese Weise kommen wir an Orte wie Tatzat: Ein noch kleineres Dorf als Kalas, nur noch mit Allradantrieb zu erreichen. Auf einem spitzen H&#252;gel liegend ist es fast v&#246;llig verlassen. Als wir in der Abendd&#228;mmerung hinaufsteigen, sehen und h&#246;ren wir keine Menschen. Unweit des verfallenden Geb&#228;udes, was fr&#252;her einmal eine weiterf&#252;hrende Schule war, befindet sich blo&#223; ein Gr&#252;ppchen von Tieren: Ein Esel, ein Hund, einige Ziegen. </p><p>Am Fu&#223;e des H&#252;gels leben Violeta und Erdi, an einem rauschenden Bach mit glasklarem Wasser, in einem Haus, was vermutlich seit vielen Jahren unverputzt geblieben ist. Allerdings haben sie direkt an den Bach ein kleines Restaurant mit mehreren Terrassen gebaut und zwei Holzh&#252;ttchen, in denen Touristen &#252;bernachten k&#246;nnen. Denn direkt hinter ihrer kleinen Siedlung f&#252;hrt ein schmaler Trampelpfad den Bach entlang in eine Schlucht hinein, durch einen Urwald mit Orchideen und moosbewachsenen hohlen B&#228;umen, in dem links und rechts kleine Wasserf&#228;lle aus den Felsw&#228;nden st&#252;rzen. Sogar die Ruine einer kleinen, in den Fels gebauten Burg gibt es dort - sie soll &#252;ber tausend Jahre alt sein. </p><p><strong>Manchmal denke ich, dieses Land ist mit einem so absurden Ma&#223; an Sch&#246;nheit gesegnet; es kann sich eine Menge an Fatalismus, Verwirrung und Alkohol leisten, an der andere L&#228;nder l&#228;ngst zugrunde gegangen w&#228;ren. </strong></p><p>Wir sehen verlassene Kl&#246;ster mit hohen S&#228;uleng&#228;ngen, hoch &#252;ber dem in verschiedenen Blaut&#246;nen schimmernden Meer. Bunte V&#246;gel, die &#252;ber die fast unber&#252;hrte Lagune flattern. Ein kleines Dorf, wo in den G&#228;rten die B&#228;ume voller Zitronen h&#228;ngen und &#252;berall das Glucksen von B&#228;chen zu h&#246;ren ist. </p><h2>Das Verschwinden der einsamen Buchten</h2><p>Und gleichzeitig ist da die Art, wie ich st&#228;ndig argw&#246;hnisch nach neuen Geb&#228;uden Ausschau halte. So lange habe ich jetzt &#252;ber das Saranda der 90er Jahre geschrieben, vor dem Tourismus, vor dem Bauboom, dass meine Erinnerung an die Stadt beinah von diesem Bild &#252;berschrieben worden ist. Als wir jetzt zur&#252;ckkommen, erschrecke ich ein bisschen. Die Geschwindigkeit, in der sich die albanische K&#252;ste im Moment ver&#228;ndert, zwingt mich, bei jeder R&#252;ckkehr meine Erinnerung zu hinterfragen: War dieses Geb&#228;ude das letzte Mal schon da? Ist es neu? Oder habe ich es blo&#223; vergessen? St&#228;ndig versuche ich, mich gegen diese besondere Art des Schreckens zu wappnen. Der Schrecken in der Erkenntnis, dass ein Ort, der in der Erinnerung noch intakt war, einfach nicht mehr existiert.</p><h3>Ich drehe mich um - und pl&#246;tzlich ist da ein Dorf</h3><p>Und trotzdem erwischt es mich, in den Momenten, in denen ich am wenigsten damit rechne. Wir fahren &#252;ber die Stra&#223;e nach Ksamil, die ich unz&#228;hlige Male benutzt habe, im eigenen Auto, im Bus, zu Fu&#223;, per Autostopp. Halten auf einem staubigen Parkplatz am Rand, oberhalb der Monastiri-Bucht, in der sich nur ein einziges kleines Hotel befindet. Ich steige aus dem Auto, schnalle mir die Babytrage um - und als ich mich umdrehe, befindet sich hinter mir pl&#246;tzlich ein ganzes Dorf. </p><p>Das Dorf ist noch im Bau. Ein Feriendorf, wirklich nicht klein, mit unz&#228;hligen, identischen H&#228;usern aus Beton, identischen Terrassen, die von identischen S&#228;ulen getragen werden, gestrichen in strahlend bunten Farben. Es ist an sich nicht mal h&#228;sslich, denke ich. Aber als wir durch die angrenzenden, uralten Olivenhaine zum Kloster hinaufsteigen, l&#228;sst sich dieser Gedanke nicht mehr halten. Umso mehr Abstand wir zu dem Dorf gewinnen, umso schrecklicher erscheint es mir. Ich muss an den albanischen Schriftsteller Stefan Capaliku denken, der &#252;ber seine Heimatstadt Shkoder sinngem&#228;&#223; geschrieben hat: Sie w&#228;re keine durchschnittlich sch&#246;ne Stadt gewesen, wenn sie woanders gelegen h&#228;tte, aber im Kontrast zu der Landschaft au&#223;en herum wirkte sie h&#228;sslich. </p><p>Das Gleiche ist wahr f&#252;r dieses Feriendorf - nur noch viel extremer. Umgeben von Meer, Lagune und Olivenhainen wirken die strahlenden Farben der H&#228;user gewaltt&#228;tig. Ein Betonfurunkel, ein Parasit, die l&#228;rmende Unterbrechung einer vollkommenen Harmonie. </p><h2>Wie der Tourismus die Beziehung zur Welt verhindert</h2><p>Dar&#252;ber denke ich abends noch nach. Abends, als wir nach einem Tag voller Sonne und Wind wieder in der Stadt angekommen sind und ich in meinem Hotelzimmer das Kind in den Schlaf stille. Ich denke daran, wie klein ich mir vorkam, als Bledi und ich verbotenerweise &#252;ber einen Zaun geklettert sind und die Baustelle &#252;berquert haben, wie heftig ich zusammengezuckt bin, als pl&#246;tzlich ein Hund zu bellen begann. Und zugleich werde ich die Bef&#252;rchtung nicht los, dass ich irgendwo eine - wenn auch sehr kleine - Mitschuld an dieser Zerst&#246;rung trage. Ich habe es in Albanien gesehen, ich habe es gelernt in der Zeit, in der ich Marketingtexte f&#252;r Luxusvillen auf Mykonos und Ibiza schrieb: Die Ressort-Touristen folgen immer Menschen wie mir.</p><p>Erst kommen immer die Hippies, die Abenteurer, die Heimatlosen. Dann folgen Menschen wie die deutschen Rentner im Flugzeug, auf der Suche nach der Unber&#252;hrtheit, die sie in einem Fernsehbericht gesehen haben. F&#252;r diese Menschen werden die kleinen, familiengef&#252;hrten Hotels gebaut, wie das, was einmal in der Monastiri-Bucht stand. Aber sobald Unber&#252;hrtheit eine Erwartung ist, wird sie zum Klischee. Sobald Menschen f&#252;r Freundlichkeit bezahlen, ist sie nicht mehr die gleiche Freundlichkeit.</p><h3>Reisen ohne Neugier</h3><p>Der klassische Tourist hat keine Neugier mehr - kaum sa&#223;en wir am Flughafen im Bus, wies mich ein wildfremder Mann darauf hin, dass ich meinem Kind doch einen Hut aufsetzen muss. Die deutsche Rentnerin neben mir zog alarmiert die Augenbrauen hoch ob dieser Grenz&#252;berschreitung. Sie hatte sofort ein Urteil dar&#252;ber. In ihrer Welt war das Verhalten des Mannes nicht richtig und es fehlte ihr die Neugier, die ihr erlaubt h&#228;tte, sich aus ihrer Welt herauszustrecken. </p><p>Der typische Tourist wei&#223;, was richtig oder falsch ist. Der typische Tourist wei&#223;, wof&#252;r er bezahlt hat und erwartet, das auch zu bekommen. Der typische Tourist lebt in einer Welt der st&#228;ndigen Verf&#252;gbarkeit. In dem Land, in dem er kommt, muss er sich nichts verdienen, er muss sich keine M&#252;he geben, er muss keine Demut zeigen. Der klassische Tourismus verunm&#246;glicht es, ein Land zu lieben. So wie Menschen, die st&#228;ndig auf Tinder swipen, die F&#228;higkeit verlieren, sich langfristig f&#252;r einen einzelnen Menschen zu interessieren, so verhindert die Art, wie wir Urlaub machen, dass wir die Welt tats&#228;chlich kennenlernen. </p><p><strong>Die st&#228;ndige Verf&#252;gbarkeit zerst&#246;rt immer genau das, was sie uns verspricht. </strong></p><h4>Ein (unabgeschlossener) Versuch, mich zu positionieren</h4><p>&#220;ber all das denke ich nach. Aber obwohl die Sache mir klar erscheint, gelingt es mir nicht, mich darin zu positionieren. Oder anders gesagt: Ich finde keine andere Position als die der bezeugenden Nomadin. So wie jeder Pfad, den Bledi mir zeigt, ein Pfad in eine eigentlich verlorene Zukunft ist, so bin ich damit besch&#228;ftigt, zu schauen und alles zu erinnern, was ich kann, als k&#228;me es darauf an, als m&#252;sste ich irgendwie verhindern, dass all das NICHT gesehen wird. Ich schreibe Tagebuch, aber manchmal schreibe ich blo&#223; Listen von Personen und Dingen. Ich schreibe:</p><p>Die alte Frau, die in einer winzigen, unaufger&#228;umten Kneipe Petula f&#252;r uns macht. Die Frotteeschlafanz&#252;ge und Plastikschlappen, die die Frauen in ihren H&#228;usern tragen. Ein winziges, anmutiges M&#228;dchen in einer Wohnung, die aussieht wie ein pinkes Spielzeuggesch&#228;ft. Mein alter Freund Bekim, der zu viel Raki getrunken hat und mit mir schimpft, als w&#228;re er mein Vater: Wo ist dein Mann, Marleen, warum bist du mit einem anderen Mann unterwegs, ruf sofort deinen Mann an, ich muss mit ihm sprechen. Mein Kind, was jetzt jedesmal l&#228;chelt und die Arme ausstreckt, wenn es eine fremde Frau sieht, weil es sich daran gew&#246;hnt hat, dass es mir st&#228;ndig aus den H&#228;nden genommen und von allen angefasst wird, weil es das &#252;berhaupt nicht als &#252;bergriffig empfindet, warum auch, es will ja auch alles und jeden anfassen. Eine einsame Bucht, durch Z&#228;une und Tore abgeriegelt, angeblich, weil dort fr&#252;her Gras angebaut wurde, in den guten alten Zeiten, als der Cannabis noch nicht so hochgez&#252;chtet war und unter freiem Himmel wuchs. Ein k&#246;stliches Dessert mit dem unpr&#228;tenti&#246;sen Namen &#8220;Krem&#8221;. </p><p>Bledi fragt mich wieder, ob ich mit ihm Reisen leiten will. Es ist der letzte Tag, wir gehen langsam durch die Stra&#223;en von Tirana, damit das Kind in der Trage schlafen kann. Ich kann es mir vorstellen. Und sei es nur f&#252;r die Gelegenheit, Menschen in Neugier zu unterrichten. </p><p></p><p><em>Danke f&#252;rs Lesen. Wenn dir der Text gefallen hat, dann kannst du hier meinen Newsletter abonnieren und/oder ein kleines Trinkgeld in meine virtuelle Kaffeekasse tun.</em></p><p class="button-wrapper" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://ko-fi.com/marleenoswald&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Kauf mir einen Kaffee&quot;,&quot;action&quot;:null,&quot;class&quot;:null}" data-component-name="ButtonCreateButton"><a class="button primary" href="https://ko-fi.com/marleenoswald"><span>Kauf mir einen Kaffee</span></a></p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption"></p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="E-Mail-Adresse eingeben &#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Abonnieren"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Der Sommer, in dem die Strandbars verschwanden]]></title><description><![CDATA[&#220;ber Tourismus, Beton und die Sehnsucht nach einer verdr&#228;ngten Zukunft]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/der-sommer-in-dem-die-strandbars</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/der-sommer-in-dem-die-strandbars</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Sat, 04 Apr 2026 06:01:34 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/6e89aca3-aecb-48f0-8e2e-7a9ade94934a_1040x780.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Fr&#252;hling 2022. In dem K&#252;stendorf Borsh im S&#252;den Albaniens steht die gesch&#228;ftige Sommersaison kurz bevor. Entlang des Strandes bereiten sich die Besitzer der Bars und Restaurants auf das &#214;ffnen vor. Es werden W&#228;nde gestrichen, Sonnensegel aufgebaut und die Strandm&#246;bel geputzt: Wo im Winter nur ein paar Bretterh&#252;tten und die ein oder andere verwaiste Betonplattform zu sehen sind, reihen sich in der hei&#223;en Zeit des Jahres strahlend blau und wei&#223; gestrichene Urlaubsoasen aneinander.</p><p>An einem Fr&#252;hlingsabend fahren T. und ich an den Strand hinunter und besuchen zwei uns bekannte Restaurantbesitzer. Das &#228;ltere Ehepaar kommt aus einem Dorf im Landesinnern - das kleine, jedes Jahr neu zusammengebaute Strandrestaurant ist ihr Jahreseinkommen. Die beiden sind mit den letzten Vorbereitungen besch&#228;ftigt, in einer oder zwei Wochen werden sie bereits die ersten Touristen empfangen. An diesem Abend versammelt sich eine kleine Gruppe aus Menschen in dem halbfertigen Holzbau. Es wird Raki getrunken, es gibt Wurst und Brot mit Oliven&#246;l und eingelegtes Gem&#252;se. Die Stimmung ist zuversichtlich: Schlie&#223;lich verzeichnet Albanien in letzter Zeit jedes Jahr mehr Touristen. Besonders seit viele andere Urlaubsorte wie Griechenland strenge Covid-Auflagen umsetzen. </p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;rs Lesen! Abonniere mich kostenlos, um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterst&#252;tzen.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="E-Mail-Adresse eingeben &#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Abonnieren"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><h2>Zwei Tage sp&#228;ter sieht der Strand aus wie nach einem Tsunami.</h2><p>Was ich sehe, trifft mich wie ein Schlag. Wo vorher die Strandbars standen, liegen jetzt nur noch Haufen von gesplittertem Holz. Zerrissene Stromkabel baumeln von verstaubten Palmen; eine Bar, die etwas n&#228;her am Dorf liegt, ist sogar v&#246;llig niedergebrannt.</p><p>Fassungslos fahren wir die Staubpiste am Meer entlang. Zwischen den Tr&#252;mmern klettern Menschen herum. Manche scheinen aufzur&#228;umen. Andere suchen zwischen den gesplitterten Brettern nach Strandliegen, Sonnenschirmen und K&#252;chenzubeh&#246;r, das die Zerst&#246;rung &#252;berstanden hat. Und wieder andere stehen einfach nur da und schauen das an, was von ihren Sommerpl&#228;nen &#252;brig geblieben ist.</p><p>Wir halten neben einem besonders gro&#223;en Bretterhaufen, neben dem gerade eine Gruppe M&#228;nner zusammengeklappte Strandliegen aufeinanderstapelt. &#8220;Was ist passiert?&#8221;, fragen wir den Besitzer. Das ganze Bild ist so surreal, dass ich kurz wirklich geneigt bin, an einen Tsunami zu glauben, der ausschlie&#223;lich in Borsh stattgefunden hat. </p><h3>Das albanische Wort f&#252;r &#8220;Krieg&#8221;</h3><p>Doch die tats&#228;chliche Erkl&#228;rung ist sehr viel weniger fantastisch. In der letzten Nacht, erkl&#228;rt uns der Mann, seien Bulldozer und Traktoren von der Gemeinde gekommen und h&#228;tten entlang der ganzen K&#252;ste rund um Himara die Strandbars niedergerissen. Nicht alle, f&#252;gt er hinzu, - nur die, die nicht bezahlen konnten. Ob er mit diesem &#8220;Bezahlen&#8221; offizielle Konzessionen oder Bestechungsgelder meint, bleibt offen. Im albanischen Verwaltungswesen ist beides sowieso nicht voneinander zu trennen. Die H&#228;nde und Kleider des Mannes sind voller Staub, seine Augen sehen aus, als h&#228;tte er geweint. &#8220;Das ist das letzte Mal, dass ich versuche, hier in Albanien etwas aufzubauen&#8221;, sagt er verbittert. &#8220;Das letzte Mal! Dreimal habe ich neu angefangen.  Jetzt reicht&#8217;s. Ich wandere aus.&#8221; Dann versucht er, uns die &#252;brig gebliebenen Strandliegen zu verkaufen. </p><p>Putins Einmarsch in der Ukraine ist da schon ein paar Wochen her. Doch das albanische Wort f&#252;r Krieg - <em>lufta</em> - lerne ich erst an diesem Morgen, als die Menschen zwischen den &#220;berresten der Bars immer wieder sagen: Hier sieht es aus wie in der Ukraine. </p><p>Die offizielle Begr&#252;ndung der lokalen Beh&#246;rden erfahre ich kurz darauf: Umweltschutz. Bei den Strandrestaurants habe es sich um illegale Bauwerke gehandelt. Kurz darauf wird am hinteren Ende der Bucht pl&#246;tzlich von Baggern der Strand vergr&#246;&#223;ert. Wir beobachten den Bau einer Struktur aus Metall, die deutlich gr&#246;&#223;er ist als die Bars davor. Als wir eines Tages auf die Baustelle fahren und nachfragen, ist der Bauherr zun&#228;chst misstrauisch, bl&#252;ht dann aber deutlich auf. Er ist Albaner, aber auf Ibiza aufgewachsen. Er werde hier ein modernes Ressort bauen, erkl&#228;rt er uns, wie in Europa. Sogar die M&#246;bel und Teile der Baumaterialien sollen aus Spanien kommen. </p><h2>Fortschritt als Naturgewalt</h2><p>Seit 2022 ist der Tourismus in Albanien weiter gewachsen. Und jedesmal, wenn ich das in Deutschland erw&#228;hne, h&#246;re ich die gleiche Aussage: &#8220;Das ist sicher gut f&#252;r das Land.&#8221; Jedesmal denke ich dann an den Strand von Borsh. Und w&#228;hrend die Annahme, Tourismus habe positive wirtschaftliche Effekte auf ein Land wie Albanien nicht per se falsch ist, verschleiert sie doch die Spielregeln, innerhalb derer ein solcher Fortschritt stattfindet.</p><p>Es sind Spielregeln, die in der Logik unseres Systems unausweichlich erscheinen wie Naturgewalten. Entsprechend schreibt auch Lea Ypi in ihrem autobiografischen Roman &#252;ber den System Change und die Privatisierung in den Neunzigern: &#8220;Strukturreformen waren so unvermeidlich wie das Wetter.&#8221;<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-1" href="#footnote-1" target="_self">1</a> Die Zukunft kommt - und die Zukunft ist immer und unvermeidlich eine disruptive, die die Vergangenheit unter sich begr&#228;bt. Nat&#252;rlich wird es innerhalb dieser Spielregeln so sein, dass der aus dem Tourismus erwirtschaftete Gewinn nach einer kurzen &#220;bergangsphase sich in den H&#228;nden einiger weniger zentralisiert. Nat&#252;rlich werden die lokal-famili&#228;ren Bretterh&#252;tten am Strand niedergerissen und nat&#252;rlich werden auf ihren Fundamenten allm&#228;hlich Luxusressorts und Hotels aus Beton erbaut werden. </p><h3>Gegen die Betonisierung</h3><p>Tats&#228;chlich ist die &#8220;Betonisierung&#8221; (<em>Betonizim</em>) ihrer St&#228;dte f&#252;r die Menschen in Albanien eng verkn&#252;pft mit dem Wechsel von Kommunismus und Kapitalismus. Zwar war Beton bereits im Kommunismus ein beliebtes Baumaterial, wie die albanisch-amerikanische Anthropologin Smoki Musaraj schreibt.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-2" href="#footnote-2" target="_self">2</a> Erst die Ressourcen und &#228;u&#223;eren Bedingungen der kapitalistischen Demokratie erm&#246;glichten aber einen Boom von illegalen Bauwerken in den 90er Jahren. Und das selbe System erm&#246;glicht die aktuelle, durch den Tourismus ausgel&#246;ste Welle an neuen Hotels und Ressorts entlang der K&#252;ste. </p><p>Ist das eine ausschlie&#223;lich negative Entwicklung? Ganz sicher nicht. Aber wenn ich hier in Deutschland mit Menschen &#252;ber die Trauer der S&#252;dalbaner &#252;ber ihre verbauten Str&#228;nde oder das unter den Betongeschw&#252;ren der 2000er begrabene Saranda spreche, f&#228;llt mir eines auf: Wir sind allzu gerne und schnell bereit, das als nutzlose Nostalgie abzutun. Vielleicht sogar als eine nachtr&#228;gliche Verkl&#228;rung der schrecklichen kommunistischen Vergangenheit, wie sie in Westdeutschland auch immer wieder den Ostdeutschen vorgeworfen wird. Aber w&#228;hrend ich immer mehr &#252;ber das Thema las, begann ich, diese Haltung zu hinterfragen. </p><h3>Nutzlose Nostalgie - oder systemfremde Imagination?</h3><p>In der Wehmut &#252;ber die unter der Zukunft begrabene Vergangenheit liegt in Wahrheit etwas Hochpolitisches: N&#228;mlich das Verm&#246;gen, sich eine andere Art der Zukunft vorzustellen. Eine n&#228;mlich, die nicht disruptiv die Vergangenheit unter sich begr&#228;bt und verleugnet, sondern die auf dem aufbaut, was bereits da ist und es in die Zukunft wachsen l&#228;sst. Wie Musaraj in Bezug auf den deutschen Anthropologen Ringel schreibt: </p><p>&#8220;Eine (&#8230;) Zeitlichkeit, die im Albanien des 21. Jahrhunderts heraufbeschworen wird, ist die der &#8222;dauerhaften Zeitlichkeit&#8221; [enduring temporality] (Ringel 2014). Ringel schreibt &#252;ber Graswurzel-Initiativen in einer postindustriellen, ehemals ostdeutschen Stadt und legt nahe, dass die Bewohner nicht nach der Vergangenheit als tragf&#228;higer Zukunft oder nach einer Zukunft suchen, die sich radikal von der Gegenwart unterscheidet, sondern vielmehr danach streben, die gegenw&#228;rtigen Geb&#228;ude und neuen Traditionen als Grundlage f&#252;r den Aufbau ihrer Zukunft zu bewahren. Diese Bem&#252;hungen wirken der st&#228;ndigen Verdr&#228;ngung solcher Zukunftsvisionen aufgrund postindustrieller und neoliberaler Transformationen entgegen. Ich behaupte, dass der Diskurs &#8222;kund&#235;r betonizimit&#8221; [albanisch f&#252;r &#8220;gegen die Betonisierung&#8221;]<em> </em>eine &#228;hnliche dauerhafte Zeitlichkeit verk&#246;rpert, die eine Zukunft imaginiert, die auf der Gegenwart aufbaut, wie dysfunktional diese Gegenwart auch sein mag.&#8221;<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-3" href="#footnote-3" target="_self">3</a></p><p>In Wahrheit ist das, was die Menschen in Saranda betrauern, nicht die Vergangenheit. Es ist die Imagination einer anderen Zukunft, einer, deren M&#246;glichkeit von unserem wirtschaftlich-gesellschaftlichen System permanent verleugnet wird. </p><p><strong>Wir machen es uns zu leicht, wenn wir Entwicklungen wie diese als einen notwendigen Preis des Fortschritts abtun. Denn wir verkennen dabei, dass diese Art der Zukunftsentwicklung nichts Naturgegebenes ist - sondern etwas, das innerhalb von Spielregeln stattfindet, die menschlich geschaffen worden sind und die wir durch unser Verhalten und die Begrenzung unserer Imagination st&#228;ndig weiter stabilisieren. </strong></p><p>In diesem Sommer 2022 werden die meisten Strandbars nicht &#246;ffnen. Bis zum Ende der Saison bleiben an manchen Stellen des Strandes Haufen von Brettern und Abfall liegen, mutwillige Verschmutzung eines Strandes, der sich f&#252;r die Menschen des Dorfes seit diesem Jahr ein bisschen weniger anf&#252;hlt wie ihrer. </p><p>In diesem Sommer 2022 werden in Saranda zahlreiche neue Hotels entstehen, werden sich Rohbauten in bewundernswertem Tempo in Betonkl&#246;tze mit zierlichen Balkons und strahlend wei&#223;en Fassaden verwandeln. In diesem Sommer wird das urspr&#252;ngliche Saranda weiter begraben werden, w&#228;hrend es in den Erinnerungen und den Sehns&#252;chten seiner Bewohner am Leben erhalten wird. </p><p>In diesem Sommer beginne ich zu begreifen, dass jedes Urlaubsresort dieser Welt auf den Tr&#252;mmern einer kleinen Strandbar gebaut ist. </p><p></p><p></p><p><em>Danke f&#252;r deine Aufmerksamkeit. Hier kannst du mich dabei unterst&#252;tzen, meine Babysitterin zu bezahlen, damit ich noch mehr schreiben kann. :)</em></p><p class="button-wrapper" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://ko-fi.com/marleenoswald&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Jetzt spenden&quot;,&quot;action&quot;:null,&quot;class&quot;:null}" data-component-name="ButtonCreateButton"><a class="button primary" href="https://ko-fi.com/marleenoswald"><span>Jetzt spenden</span></a></p><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-1" href="#footnote-anchor-1" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">1</a><div class="footnote-content"><p>Lea Ypi: <em>Free: Coming of Age at the End of History. </em>Penguin Books 2021. Zitat von mir selbst aus dem Englischen &#252;bersetzt.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-2" href="#footnote-anchor-2" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">2</a><div class="footnote-content"><p>Smoki Musaraj: <em>Temporalities of Concrete in the Communist and Postcommunist City</em>. In: <em>Remitting, Restoring and Building Contemporary Albania</em>. NG Bon, S Musaraj, Ohio 2021.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-3" href="#footnote-anchor-3" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">3</a><div class="footnote-content"><p>Smoki Musaraj: <em>Temporalities of Concrete in the Communist and Postcommunist City</em>, S. 111. In: <em>Remitting, Restoring and Building Contemporary Albania</em>. NG Bon, S Musaraj, Ohio 2021. </p><p>Und die von Musaraj zitierte Quelle: Felix Ringel: <em>Post-Industrial Times and the Unexpected: Endurance and sustainability in Germany&#8217;s fastest shrinking city. </em>In: <em>Journal of the Royal Anthropological Institute</em> (Vol. 20, Issue S1, 2014).</p></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Saranda, vom Meer aus gesehen: Die erste Idee zum Buch]]></title><description><![CDATA[&#220;ber einen gescheiterten Traum, eine &#252;berraschende Entdeckung und eine ausartende Recherche]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/saranda-vom-meer-aus-gesehen-die</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/saranda-vom-meer-aus-gesehen-die</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Thu, 26 Mar 2026 07:01:28 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/eddcebda-5234-49eb-b1a1-0f2f639385e0_4032x3024.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Im Herbst 2022 war es dann so weit. Unser Leben in einem albanischen Dorf war Geschichte. </p><p>Als wir das Haus in Qeparo verlie&#223;en, dachte ich, wir w&#252;rden nach ein oder zwei Monaten wieder zur&#252;ckkommen. Grund f&#252;r unsere Abreise: Ein ausartender Konflikt mit einer Familie aus dem Nachbardorf (eine Geschichte f&#252;r sich, die ich irgendwann in diesem Newsletter auch noch erz&#228;hlen werde). Unsere kriselnde Beziehung. Und die Tatsache, dass T. mit dem Mercedes einen Unfall gehabt hatte, woraufhin das Auto als halb zerquetschtes Wrack f&#252;r ein paar Euro an den lokalen Mechaniker verkauft worden war.</p><p>&#8220;Macht euch nichts draus&#8221;, tr&#246;steten uns wohlgesonnene Nachbarn. &#8220;Sicher war das der b&#246;se Blick. Das Auto war zu sch&#246;n.&#8221;</p><p>Als wir im Herbst 2022 zun&#228;chst nach Saranda fuhren, hatten wir folgenden Plan: Unseren gr&#246;&#223;ten Marketingkunden auf Mallorca besuchen. Dann in Deutschland ein neues Auto kaufen. Wir konnten nicht wissen, dass der Kunde stattdessen aufh&#246;ren w&#252;rde, seine Rechnungen zu zahlen und wir in Marokko aus lauter Verzweiflung ein vierst&#246;ckiges Haus mieten und ein neues Projekt beginnen w&#252;rden. Ich wusste auch noch nicht, dass ich im Winter 2022 in einem Zustand nahe des Wahnsinns die Beziehung endlich beenden und kurz darauf &#252;berst&#252;rzt und mit meinem letzten Geld zu meiner im Sterben liegenden Oma nach Deutschland reisen w&#252;rde. </p><p>In das Haus in Qeparo bin ich bis heute nur einmal zur&#252;ckgekehrt: Im darauffolgenden Sommer, um meine Tageb&#252;cher abzuholen und mich endg&#252;ltig von T. zu verabschieden.</p><h2>Die letzten Tage in Saranda</h2><p>Bevor all das passierte, verbrachten wir noch ein paar letzte Tage zusammen in Saranda. Noch einmal glaubte ich, es w&#252;rde alles gut werden. Die Zeit in Qeparo f&#252;hlte sich pl&#246;tzlich an wie ein langer, intensiver Traum, aus dem man aufwacht, um ganz von vorn zu beginnen. Wir mieteten eine kalte, dunkle Ferienwohnung mit einer Dachterrasse. Die gro&#223;e Hitze und der touristische Trubel waren vor&#252;ber, aber die Tage waren noch mild und blau. Die Luft war so frisch, als wolle sie die Stadt rein waschen von einem weiteren Sommer, in dem die schmalen Stra&#223;en von Autos so verstopft waren, dass man nur noch im Schritttempo vorankam. </p><p>Jeden Morgen, wenn T. noch schlief, nahm ich mein Handtuch und lief die Treppe zum Meer hinunter. Zu dieser Zeit lag der wei&#223;e Kiesstrand menschenleer da und die Sonne funkelte in den gro&#223;en Fenstern der umliegenden Hotels und brachte die &#252;ppigen Bougainvillea-Str&#228;ucher zum Leuchten. </p><p><strong>Jeden Morgen schwamm ich aufs Meer hinaus. Und jeden Morgen, beim Zur&#252;ckschwimmen, sah ich die Stadt auf eine Weise, in der ich sie bis dahin nie wahrgenommen hatte. </strong></p><h3>Eine &#252;berraschende Entdeckung</h3><p>Saranda liegt in einer halbmondf&#246;rmigen Bucht, umkreist von H&#252;geln, die vom Wasser her steil ansteigen. Diese still in der Morgensonne daliegende Stadt war ein unfassbares Chaos. Bauwerke aller m&#246;glichen Formen und Farben, die sich aneinanderdr&#228;ngten, sich die H&#252;gel hinaufschoben und sich gegenseitig die Sicht aufs Meer versperrten. Aber in dieser Zeit, als ich beim Schwimmen jeden Morgen das Gleiche sah, bemerkte ich noch etwas anderes: Die Treppen. Von allen Seiten her f&#252;hrten Treppen die H&#252;gel hinunter zum Wasser. Auch diese Treppen waren zum Teil &#252;berbaut und durchbrochen, aber so, aus der Distanz betrachtet, wirkten sie wie eine Art Skelett, etwas, das dem Chaos aus Wohnbl&#246;cken eine innere Stabilit&#228;t gab. Ich begann zu ahnen, dass unter der Stadt, die ich heute sah, eine zweite vergraben lag: Eine, die eine architektonische Harmonie besessen haben musste, die heute nur noch schwer vorstellbar war.</p><p>Ich bin kein besonders fantasievoller Mensch. Und ich hatte daher auch nie den Eindruck, Geschichten zu &#8220;erfinden&#8221;. Es ist eher so, als f&#228;nden die Geschichten mich. Und sie tun das in Form von vielen kleinen Hinweisen, Bildern, Gedanken, Informationsschnipseln, die sich oft &#252;ber eine lange Zeit hinweg ansammeln, bevor sie einen vollst&#228;ndigen Sinn ergeben. So war es auch mit dem albanischen Roman: Es fing mit diesem einen Bild an: Der Erkenntnis, dass unter dem Saranda von heute ein anderes Saranda begraben lag. Und von diesem Moment an begannen die Hinweise, sich zu h&#228;ufen.</p><h3>&#8220;Saranda sieht nicht mehr aus wie unser Zuhause&#8221;</h3><p>Etwa zur selben Zeit - kurz danach oder w&#228;hrenddessen - stie&#223; ich in einer lokalen Facebookgruppe auf einen Post, der mich tief ber&#252;hrte. Der Post stammte von Bledi Budo, einem Dichter aus Saranda. Er zeigte ein paar Bilder der Stadt aus den sp&#228;ten Achtziger Jahren. Den englischen Text, den Bledi darunter geschrieben hatte, habe ich hier selbst auf Deutsch &#252;bersetzt: </p><blockquote><p>&#8220;1990 war ich 7 Jahre alt. Ich hatte gerade mein erstes Schuljahr begonnen. Als ich zum Hotel Butrinti ging, kam es mir sehr weit weg vor. Es war das &#196;u&#223;erste, was ich erreichen konnte. Hinter HB lag ein Berg mit Kiefern und Blumen. Der Duft der B&#228;ume vermischte sich mit dem Jodgeruch des Meeres. Ein Duft, der mich dazu inspirierte, sp&#228;ter Gedichte zu schreiben. Es war wie ein Naturparadies, das mich mit seinen D&#252;ften und seiner Landschaft berauschte. Ich h&#228;tte ein paar Jahre warten sollen, bis ich gro&#223; genug war, um weiter als bis zum HB zu gehen. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Aber jedes Jahr gab es neue Ausgrabungen f&#252;r das Geb&#228;ude, die mich zun&#228;chst nicht sonderlich beeindruckten, da das Tempo langsam war. Jahre sp&#228;ter nahm die Zerst&#246;rungsrate so stark zu, dass ich weit gehen musste, um neue Wege zu entdecken. Ich entdeckte so viele Wanderwege im Bezirk Saranda, dass ich mich eines Tages entschloss, mein Hobby, das Wandern, zu meinem Beruf zu machen.</p><p>Es scheint eine pers&#246;nliche Geschichte zu sein, aber die Bedeutung geht &#252;ber meine Person hinaus. Ich bin nicht der Einzige, der so empfunden hat. Jeder andere, der in dieser Stadt geboren und aufgewachsen ist, hat ein &#228;hnliches Gef&#252;hl. Und das ist das Drama. Wir m&#252;ssen ein neues Paradies bauen, ein paar Kilometer entfernt. Saranda sieht nicht mehr aus wie unser Zuhause.&#8221;</p></blockquote><p>Es scheint eine pers&#246;nliche Geschichte zu sein, schreibt Bledi, - aber die Bedeutung geht &#252;ber meine Person hinaus. Und vielleicht war es das, was ich am St&#228;rksten empfand, als ich seinen Text das erste Mal las. Ich h&#228;tte damals nicht erkl&#228;ren k&#246;nnen, warum mich dieser kleine, in einfachem Englisch verfasste Schnipsel so ber&#252;hrte. Aber ich ahnte, dass die Bedeutung der Geschichte vielleicht sogar noch gr&#246;&#223;er war als die, die Bledi ihr gab: Dass das, was er da beschrieb, nicht nur die Geschichte von Saranda war. Sondern eine kollektive, die sich an verschiedenen Orten der Welt immer neu wiederholte.</p><h3>Der Mann auf dem Balkon</h3><p>Dann, eines Morgens, als ich gerade aus dem Wasser kam, winkte mir ein Mann mit beiden Armen von einem Balkon des Hotels, was ich l&#228;ngst f&#252;r geschlossen gehalten hatte. Er wirkte winzig vor dem strahlenden Wei&#223; der Mauern. Und kurz darauf rannte er nach unten zu mir an den Strand, um mich zu fragen, ob ich mit ihm schwimmen gehen wolle; und ob wir einen Ausflug nach Ksamil machen sollten, er w&#252;rde auch alles bezahlen. Er war ein Albaner aus dem Norden, glaube ich, der die Wohnung in dem Hotel schon vor Jahren gekauft hatte. Und nat&#252;rlich ging ich weder mit ihm schwimmen noch nach Ksamil, sondern allein zu meinem liebsten B&#228;cker, um Byrek f&#252;rs Fr&#252;hst&#252;ck zu kaufen. </p><p>Trotzdem blieb mir das Bild des Mannes im Ged&#228;chtnis: Weniger sein Anblick, eher seine Handlung, seine eifrige Bereitschaft, mich mit allen m&#246;glichen materiellen Versprechen in sein Leben zu ziehen, ohne zu wissen, wer ich bin. Und vielleicht, h&#228;tte ich nichts zu tun gehabt, keinen Plan und kein Geld, h&#228;tte ich mich ja darauf eingelassen. </p><p><strong>Der Mann hat mich sicher l&#228;ngst vergessen. Aber auf den ersten Seiten des Romans winkt auch mein Protagonist Vico eifrig von einem Balkon herunter, als er Susanne das erste Mal sieht.</strong></p><h2>Wie aus einer einfachen Recherche ein jahrelanges Projekt wurde</h2><p>Mit diesen drei Bruchst&#252;cken reiste ich weiter und beschloss: Eines Tages, sobald ich Zeit habe, werde ich eine Geschichte schreiben, die in den 90er Jahren in Saranda spielt. &#220;ber die schon erw&#228;hnten turbulenten Ereignisse der n&#228;chsten Monate verga&#223; ich das alles dann erstmal wieder. Etwa ein halbes Jahr sp&#228;ter begann ich dann allm&#228;hlich, zu recherchieren. Eigentlich suchte ich blo&#223; nach ein paar historischen Details f&#252;r meine Geschichte. Stattdessen wurde die Recherche zu einem Kaninchenbau, der mich immer tiefer hinein zog.</p><p>Es sollte zwei Jahre dauern, bis ich endlich die erste Seite des Manuskripts schrieb. In dieser Zeit las ich Lea Ypis &#8220;Free&#8221;. Ich suchte auf allen m&#246;glichen Wegen nach wissenschaftlicher Literatur und merkte &#252;berrascht, wie extrem d&#252;nn die Quellenlage gerade zum albanischen S&#252;den ist: Alle geschichtlichen Erz&#228;hlungen, Berichte und Untersuchungen &#252;ber diese Zeit scheinen sich nur im Norden abzuspielen, der Ursprungsregion des anti-kommunistischen Widerstands. Ich tauschte Sprachnachrichten mit Bledi aus. Ich bestellte antiquarische B&#252;cher in England und wartete wochenlang auf ihre Ankunft. Ich versuchte auf allen m&#246;glichen Wegen, an eine Ausgabe von Abrahams &#8220;Modern Albania&#8221; zu kommen, bis es dann gl&#252;cklicherweise neu aufgelegt wurde. Ich reiste schlie&#223;lich zur&#252;ck nach Saranda und suchte nach weiteren Interviewpartnern. </p><p>Und alles, was ich las und alles, was mir erz&#228;hlt wurde, ber&#252;hrte mich auf die gleiche Weise wie der erste Facebookpost.</p><p>Etwas war in dieser scheinbar fremden Geschichte, was mich zutiefst anging. Etwas, was &#252;ber meinen blo&#223;en Willen, mich auszudr&#252;cken, hinausging. Etwas, das tats&#228;chlich erz&#228;hlt werden wollte.</p><p><strong>Dem Manuskript fehlen jetzt noch wenige Seiten. Aber die Recherche-Reise beginnt in diesem Newsletter noch einmal von vorn. Wenn du mitkommen willst - abonniere mich.</strong> </p><p>(Du unterst&#252;tzt damit au&#223;erdem die Ver&#246;ffentlichung des Buches, denn wenn ich hier auf Substack schon gelesen werde, ist das sicher ein Argument f&#252;r zuk&#252;nftige Verleger!)</p><p class="button-wrapper" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Jetzt abonnieren&quot;,&quot;action&quot;:null,&quot;class&quot;:null}" data-component-name="ButtonCreateButton"><a class="button primary" href="https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?"><span>Jetzt abonnieren</span></a></p><p></p><p>Quellen: <a href="https://www.facebook.com/PoCaffee">Das Facebook-Profil von Bledi Budo</a> (der hier zitierte Post war in einer geschlossenen Gruppe, daher bringt es wohl nichts, wenn ich ihn verlinke - wer sich allerdings trotzdem f&#252;r Bledi interessiert, findet ihn und seine Texte &#252;ber diesen Link)</p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Wie es ist, in einem Dorf in Albanien zu leben]]></title><description><![CDATA[&#220;ber ein verfallendes Paradies, das Patriarchat und die Sehnsucht nach der Vergangenheit]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/wie-es-ist-in-einem-dorf-in-albanien</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/wie-es-ist-in-einem-dorf-in-albanien</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Mon, 16 Mar 2026 07:02:08 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/3d332a44-d182-4811-b886-a3acc05300aa_4032x3024.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>2021 endet mein erster Aufenthalt in Albanien nach ein paar Wochen. Mit meinem damaligen Partner mache ich mich zu Fu&#223; auf den Weg &#252;ber die Grenze nach Griechenland. Ein Land, was ich von einer meiner ersten Reisen mit knapp 18 Jahren in sch&#246;nster Erinnerung habe. Doch diesmal gibt es einen gro&#223;en Unterschied: Wir haben kein Geld.</p><p>In Griechenland besetzen wir H&#228;user, bewegen uns per Autostopp und leben gut von dem, was wir in den &#252;bervollen M&#252;lltonnen der Superm&#228;rkte finden. Wir campen zusammen mit syrischen Gefl&#252;chteten, die sich ohne Papiere durchschlagen. Als wir eine Zeit lang in einer verlassenen Universit&#228;tsmensa leben, bringt ein einsamer ukrainischer Student uns jeden Tag Essen. </p><p><strong>Doch abgesehen davon haben die Menschen, die uns in diesen Monaten weiterhelfen, vor allem eine Gemeinsamkeit. Sie sind alle Albaner.</strong></p><p>T. und ich haben in dieser Zeit beide keine Perspektive f&#252;r unser weiteres Leben. Wir schlagen uns durch mit gelegentlichen Online-Jobs und einer ordentlichen Portion Kreativit&#228;t, Tr&#228;umerei und Dreistigkeit. Uns verbindet eine heftige Ablehnung gegen&#252;ber Deutschland und der EU, auch so etwas wie ein Gef&#252;hl, betrogen worden zu sein. Kurz: Wir bewegen uns am &#228;u&#223;eren Rand der sozialen Norm. Nie vorher und nie nachher in meinem Leben bin ich so oft angeeckt wie in dieser Zeit.</p><p>Den Albanern, denen wir in Griechenland begegnen, ist das egal. Vielleicht wissen sie selbst zu gut, wie es ist, ein Au&#223;enseiter zu sein. Wo die Griechen uns in der Regel mit Ablehnung oder sogar Aggressivit&#228;t begegnen (und manchmal zu recht, f&#252;rchte ich), zeigen die Albaner auch hier die gleiche unpers&#246;nliche, respektvolle Freundlichkeit.</p><p>Und so beschlie&#223;en wir ein paar Monate sp&#228;ter, nach Albanien zur&#252;ckzukehren.</p><h2>Das Haus &#252;ber der Bucht</h2><p>2021 ist ein unstetes Jahr. Im Sommer reise ich - nach ein paar Wochen in Albanien - noch nach Bulgarien und Mazedonien, dann nach Deutschland. Kaum zur&#252;ck in Albanien, stirbt mein Opa und wir m&#252;ssen &#252;berst&#252;rzt umkehren. W&#228;hrend in Deutschland die Impfkampagnen auf Hochtouren laufen und der Fernseher jeden Abend die &#252;belsten Anschuldigungen gegen die sogenannten &#8220;Corona-Leugner&#8221; ausspuckt, helfe ich einige Wochen dabei, meine bettl&#228;gerige Oma zu pflegen. Um wieder zu Geld zu kommen, arbeiten T. und ich &#252;ber Weihnachten in Berlin. Nach zwei Monaten haben wir so viel gespart, dass wir uns einen alten Mercedes mit gr&#252;nen Ledersitzen kaufen k&#246;nnen. Die Strecke von Deutschland bis in den S&#252;den Albaniens fahren wir fast ohne anzuhalten, in einem &#252;bersch&#228;umenden Gef&#252;hl von Erleichterung.</p><p>Diesmal werden wir l&#228;nger bleiben.</p><p>Das Haus daf&#252;r haben wir schon im Jahr davor gefunden. Es geh&#246;rt Shefik<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-1" href="#footnote-1" target="_self">1</a> , einem respektierten, &#228;lteren Mann, der wenig spricht und viel l&#228;chelt. Seine Familie hat einige H&#228;user und Landst&#252;cke rund um das Dorf Qeparo. Eines davon liegt im alten Ortsteil oben auf einem spitzen H&#252;gel, der &#252;ber eine enge, kurvige und steile Stra&#223;e zu erreichen ist. Offenbar ist es seit den 90er Jahren unbewohnt. Die meisten Fensterscheiben sind zerbrochen, einen Wasseranschluss gibt es nicht, aber der Strom funktioniert immer noch. Wer bezahlt daf&#252;r? Shefik zuckt die Achseln und l&#228;chelt. Wenn wir wollen, d&#252;rfen wir hier wohnen, und zwar &#8220;pa lek&#8221;, ohne Geld.</p><p>Also machen wir uns an die Arbeit. H&#228;ngen die zerbrochenen Fenster provisorisch mit Plastiks&#228;cken zu, streichen ein paar W&#228;nde, entsorgen s&#228;ckeweise Plastikm&#252;ll aus dem Garten. Da der Strom kostenlos ist, heizen wir den Rest des Winters mit Elektro&#246;fen, auf denen wir gleich noch unser Brot r&#246;sten. Wie es hier &#252;blich ist, hat das Haus eine Au&#223;entreppe, die vom Erdgeschoss in den ersten Stock f&#252;hrt und eine lange Galerie am oberen Stockwerk. Von diesem Balkon aus sieht man weit &#252;ber die Bucht von Qeparo. Und der freiger&#228;umte Garten steht voller &#252;ppig tragender Obstb&#228;ume: Feigen, Pflaumen, Maulbeeren, Kaktusfeigen und Granat&#228;pfel werden wir in diesem Sommer ernten. </p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;rs Lesen! Abonniere den Newsletter, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="E-Mail-Adresse eingeben &#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Abonnieren"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><h3>Ein verfallendes Dorf und ein paar wilde Theorien</h3><p>Die Menschen aus dem Dorf sind neugierig auf ihre neuen Nachbarn. Der Mercedes wird bestaunt und von den M&#228;nnern bis ins Detail inspiziert. Man gratuliert uns zu unserem sozialen Aufstieg und ermahnt uns, uns vor dem b&#246;sen Blick zu h&#252;ten. Nachbarinnen bringen Saatgut vorbei. Als ich einmal in einem anderen Dorf ein paar Setzlinge kaufe, fragt mich eine Frau aus dem Nachbarhaus zwei Tage sp&#228;ter, ob ich denn meine Zwiebeln schon gepflanzt habe.</p><p>Obwohl paradiesisch sch&#246;n, steht Qeparo halb leer. Viele der H&#228;user sind von ihren Besitzern in den 90ern mit s&#228;mtlichem Mobiliar zur&#252;ckgelassen worden. Wir klettern durch die verschachtelten G&#228;rtchen, die von gefr&#228;&#223;igen Feigenb&#228;umen &#252;berwuchert werden. Auf den schmalen Wegen laufen H&#252;hner und K&#252;he frei herum und kehren am Abend meist von selbst zu ihren Besitzern zur&#252;ck. W&#228;hrend T. sich nach wie vor mit den selben zehn Vokabeln verst&#228;ndigt, wird mein Albanisch schnell besser und ich kann mich mit den alten M&#228;nnern im Dorfcaf&#233; unterhalten. Eines Tages - nachdem wir uns ein paar junge H&#252;hner angeschafft haben - behauptet einer dieser M&#228;nner steif und fest, ohne Hahn w&#252;rden unsere H&#252;hner keine Eier legen. Ein paar Wochen sp&#228;ter h&#246;re ich zwei Frauen &#252;ber mich reden. Sie stehen neben mir und sind sich wohl nicht bewusst, wie viel ich mittlerweile verstehe. &#8220;Wer ist diese Frau?&#8221;, fragt die eine. &#8220;Das ist eine Deutsche&#8221;, antwortet die andere. &#8220;Sie wohnt da unten mit ihrem Mann. Sie f&#228;hrt diesen Mercedes. Und sie hat H&#252;hner, aber keinen Hahn.&#8221;</p><p>Welche wilden Geschichten sonst noch &#252;ber uns kursieren in diesen ersten Monaten, das erfahren wir erst sp&#228;ter. Den meisten Menschen in Qeparo erscheint es kurios, dass Deutsche nach Albanien ziehen. Normalerweise passiert das schlie&#223;lich andersherum. Wiederholt fragen die jungen M&#228;nner aus dem Dorf, ob wir hier seien, um Gold zu suchen. Wir halten das f&#252;r einen Scherz, bis eines Tages Nomi, der f&#252;r seine Ernsthaftigkeit bekannt ist, das Gleiche fragt. &#8220;Wie, Gold?&#8221;, fragen wir. Angeblich, erkl&#228;rt er, sei in den umliegenden H&#246;hlen noch Gold aus der Zeit des Kommunismus versteckt und sogar von davor. Er deutet auf das gr&#246;&#223;te Hotel unten am Wasser, was wir von unserem Balkon aus gut sehen k&#246;nnen. &#8220;Dieses Hotel&#8221;, sagte er, &#8220;wurde mit dem Geld aus einem Goldfund gebaut.&#8221;</p><h2>Leben in einer patriarchalen Gesellschaft</h2><p>Das Leben von M&#228;nnern und Frauen hier auf dem Land unterscheidet sich deutlich. Das Leben der M&#228;nner ist ein st&#228;ndiges Kommen und Gehen, ein Rasen von Caf&#233; zu Caf&#233;, von Dorf zu Dorf. Wer Arbeit findet, arbeitet. Der Rest scheint sich st&#228;ndig untereinander Geld zu leihen. Ein Schuldenberg, der sich &#252;ber das Jahr hinweg teils ausgleicht, teils aufbaut, bis im Sommer die Touristen kommen und die Einnahmen alles wieder auf Null setzen. Das wichtigste Statussymbol: Ein Auto. Schlie&#223;lich sind die importierten Fahrzeuge hier teurer als in Deutschland und wer eines hat, hat es ohne Kredit gekauft. Ein &#228;lterer Alkoholiker aus dem Dorf hat angeblich ein verfallendes Haus gegen einen brandneuen Mercedes eingetauscht - leider f&#228;hrt er so oft betrunken, dass das Auto schon nach wenigen Wochen v&#246;llig zerbeult ist.</p><p>Die jungen M&#228;nner aus dem Dorf sind &#252;berwiegend Single und haben keine feste Arbeit. Abends trifft man sich auf der Stra&#223;e rund um die Caf&#233;s, f&#228;hrt Autorennen entlang der K&#252;ste und h&#228;lt dann irgendwo am Meer, um in den Bergen angebautes Gras zu rauchen, w&#228;hrend die Musik aus den Boxen schallt. Viele davon haben differenzierte Ansichten &#252;ber Politik, sprechen mehrere Sprachen und kennen sich mit der lokalen Natur bestens aus. Doch ihre Perspektiven? Entweder geben sie sich damit zufrieden, wie ihre V&#228;ter immer gerade so &#252;ber die Runden zu kommen. Oder sie lassen sich anwerben, um Koks nach Serbien zu fahren: Ein Traum vom schnellen Reichtum, der oft im Gef&#228;ngnis oder in der Abh&#228;ngigkeit endet. </p><h3>Leben als Zuschauen</h3><p>Und die Frauen? Luana, die 15-j&#228;hrige Tochter unseres Freundes Bekim, darf das Haus nicht alleine verlassen. Ihre Mutter m&#246;chte sie nicht einmal ohne mich zum B&#228;cker gehen lassen. Sie macht sich Sorgen, Luana k&#246;nnte mit dem B&#228;ckerjungen flirten. Und auch in der Schule werden M&#228;dchen und Jungen streng getrennt. Eine Freundin von Luana, die ihrem Freund eine Hand auf die Schulter legt, wird daf&#252;r von der Lehrerin streng verwarnt. </p><p>Das Leben der Frauen ist ein passives. Oft erscheinen sie mir wie st&#228;ndige Zuschauerinnen: Frauen, die in ihren H&#228;usern sitzen, Fernsehen schauen und sich mit den Leben der anderen besch&#228;ftigen. Jeder Schritt heraus aus diesen Grenzen l&#228;uft Gefahr, scharf verurteilt und mit dem sozialen Ausschluss bestraft zu werden. Und doch sind die meisten dieser Frauen laut, energisch und voller Energie. Nie werde ich vergessen, wie wir Bekims Frau Lindita nach einer Chemotherapie in Tirana nach Hause gefahren haben. Blass im Gesicht, st&#228;ndig kurz davor, sich &#252;bergeben zu m&#252;ssen, sang sie die ganze Autofahrt aus voller Kehle selbst erfundene Lieder. </p><h3>Als die Frauen verschwanden</h3><p>Dass die jungen M&#228;nner aus dem Dorf keine Freundinnen finden? Eine direkte Folge davon. Irgendwann in den letzten zehn Jahren, erz&#228;hlt mir einer, seien fast alle jungen Frauen aus den D&#246;rfern verschwunden. Wohin sie gegangen sind? Nach Tirana, zum Studieren. Bildung er&#246;ffnet den jungen Frauen einen Lebenshorizont jenseits der Enge ihrer Familie. Auch Luanas gro&#223;er Traum ist es, &#196;rztin zu werden. </p><p><strong>Wenn sie weiter so gut sei in der Schule, erz&#228;hlt sie mir stolz, k&#246;nne sie sp&#228;ter mal in Deutschland arbeiten. Das habe ihre Lehrerin ihr gesagt. </strong></p><p>Woher kommt dieses patriarchale Wertesystem? Menschen in Deutschland f&#252;hren das gerne darauf zur&#252;ck, dass Albanien ein muslimisches Land ist. Aber an dieser Theorie habe ich meine Zweifel. Bei Abrahams habe ich den scherzhaften Ausdruck gelesen, die Albaner seien &#8220;Rock&#8217;n-Roll-Muslime&#8221;.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-2" href="#footnote-2" target="_self">2</a> Raki wird hier schon zum Fr&#252;hst&#252;ck serviert. Und nachdem wir bei einem Besuch bei Bekims Familie erfahren, man mache gerade Ramadan, werden wir schon kurze Zeit sp&#228;ter zu einem imposanten &#8220;Osterfeuer&#8221; aus alten Reifen eingeladen.</p><h3>Was die Angst um die &#8220;guten Frauen&#8221; wirklich bedeutet</h3><p>Nein, die Gr&#252;nde daf&#252;r sind deutlich komplexer. Einer davon: Angst. Die Eltern dieser M&#228;dchen haben vor knapp zwei Jahrzehnten den Zusammenbruch des Staates und die daraus entstehende Anarchie erlebt. In dieser Zeit wurden zahlreiche albanische Frauen und M&#228;dchen entf&#252;hrt oder mit falschen Versprechungen nach Italien und Griechenland gelockt und dort zwangsprostituiert. Die T&#228;ter: H&#228;ufig Freunde, Liebhaber oder angebliche zuk&#252;nftige Ehem&#228;nner. In meinen Interviews der folgenden Jahre werde ich immer wieder feststellen, wie unangenehm dieses Thema meinen Gespr&#228;chspartnern ist. Auf Nachfragen dazu wird ausweichend geantwortet, bis hin zu Aussagen wie: &#8220;Meine T&#246;chter w&#252;rden das nie tun&#8221; oder &#8220;Diese M&#228;dchen waren einfach ungebildet&#8221;. Es scheint, als sei die Strenge der albanischen Eltern gegen&#252;ber ihren M&#228;dchen keine Religion. Stattdessen ist der Mix aus enger Moral und &#228;u&#223;eren Einschr&#228;nkungen wohl vor allem ein Versuch, die T&#246;chter zu sch&#252;tzen - in einer Welt, die sich f&#252;r Frauen nach wie vor nicht sicher anf&#252;hlt. Und in der Eltern die traumatische Erfahrung in sich tragen, ihre Kinder nicht sch&#252;tzen zu k&#246;nnen. </p><p>Obwohl ich mich nat&#252;rlich weiterhin zu verhalten versuche wie eine Deutsche, bin ich in Qeparo immer isolierter. Alle Kontakte, die ich habe, bewegen sich in dem engen Rahmen des sozial Erlaubten. Mit M&#228;nnern anfreunden kann ich mich nicht und Frauen meines Alters gibt es, wie gesagt, nicht. </p><p>Aber nicht nur das: In dem Ma&#223;e, in dem T. sich integriert, m&#246;chte er von den M&#228;nnern des Dorfes geachtet werden. Er will nicht mehr, dass ich am Steuer sitze, wenn wir zusammen mit dem Auto unterwegs sind. Und wenn ich koche, putze, mich um den Garten und die H&#252;hner k&#252;mmere, sagt er: &#8220;Du bist so eine gute Frau&#8221;. Ein Ausdruck, der mich rasend macht. Ich will keine &#8220;gute Frau&#8221; sein. Die &#8220;gute Frau&#8221; f&#252;hlt sich an wie eine Mausefalle, in der das Lob nur der K&#246;der ist, damit die T&#252;r hinter mir zuschnappen kann. Aber umso l&#228;nger wir uns in einem Umfeld bewegen, in dem T.s Verhalten das Normale und Richtige ist, umso vager wird meine Rebellion und umso mehr beginne ich, sie selbst zu pathologisieren. Bin ich verr&#252;ckt?</p><h2>Zusammenhalt in einer br&#252;chigen Welt</h2><p>Das ist es eben. Wir sind in dieser Zeit keine Zuschauer. Wir sind zutiefst involviert. Und diese Involvierung an sich ist so sch&#246;n, dass es einen ganzen Fr&#252;hling und Sommer dauert, bis ich ihre schmerzhaften Folgen wirklich sp&#252;re. Ich bin es bis zu diesem Punkt gew&#246;hnt, mich als etwas Eigenst&#228;ndiges, Abgetrenntes zu f&#252;hlen; und Eingebundenheit h&#246;chstens als Eingebundenheit in Systeme und Strukturen. Westlicher Individualismus eben. Albanien funktioniert v&#246;llig anders. Der eigenen Regierung zu vertrauen? Die sind doch korrupt, das wei&#223; jeder. </p><p><strong>Als die Polizei zu Beginn der Covid-Zeit versucht, eine n&#228;chtliche Ausgangssperre durchzusetzen, wird in den D&#246;rfern an der K&#252;ste kurzerhand die Durchgangsstra&#223;e blockiert, sodass der kontrollierende Polizeiwagen nicht mehr vorankommt.</strong></p><p>Die wirkliche Macht &#252;ber das Zusammenleben hat ein komplexes System aus famili&#228;ren Verbindungen, einem uralten Moralkodex, Bestechungsgeldern und weitergegebenen &#8220;Gefallen&#8221; und &#8220;Schulden&#8221;. Das Individuum z&#228;hlt hier weniger als seine Verbindungen und das Ansehen eines Einzelnen h&#228;ngt von der &#8220;Ehre&#8221; seiner Familie ab. Wer sich danebenbenimmt, tr&#228;gt soziale Konsequenzen und verliert Zugang zu wichtigen Ressourcen. Auch im Umgang mit Fremden steht die Ehre des Dorfes und der Familie auf dem Spiel. Entgegen aller Vorurteile habe ich gerade dadurch Albanien als sehr sicher erlebt. Nie muss ich mir Sorgen machen, wenn mich jemand im Auto mitnimmt oder in seinem Haus &#252;bernachten l&#228;sst. Und als T. einmal seinen Laptop auf einer Strandliege vergisst, liegt er eine Stunde sp&#228;ter immer noch da.</p><h3>Der Polizeistaat, in dem wir uns vertrauen konnten</h3><p>Und zugleich ist das, was ich als den Zusammenhalt einer in vielen Aspekten dezentral organisierten Gemeinschaft verstehe, f&#252;r die Menschen vor Ort schon etwas Br&#246;ckelndes. Stolz zeigen mir &#228;ltere M&#228;nner die terrassierten H&#228;nge rund um die D&#246;rfer. &#8220;All das&#8221;, sagen sie, &#8220;haben wir w&#228;hrend dem Kommunismus gemacht. Alle zusammen.&#8221; In meinen Interviews der folgenden Jahre werden Menschen immer wieder beklagen, ihren Mitmenschen nicht mehr vertrauen zu k&#246;nnen. W&#228;hrend in Tirana in den Museen die schrecklichen Verbrechen der ehemaligen Geheimpolizei &#8220;Sigurimi&#8221; ausgestellt werden, handeln die Geschichten der Menschen im S&#252;den nicht von Spitzeln und Verrat. Sondern von einem Gef&#252;hl der Gemeinschaft und gegenseitigen Verantwortung, in D&#246;rfern, die unter Hoxha pl&#246;tzlich Elektrizit&#228;t, flie&#223;endes Wasser, Schulen und Krankenh&#228;user bekamen. Verkl&#228;rung der Vergangenheit - oder ist die heutige albanische Geschichtserz&#228;hlung tats&#228;chlich nicht allgemeing&#252;ltig? F&#252;r mich vorerst eine offene Frage.</p><h3>Plastikm&#252;ll und Fatalismus</h3><p>Im Qeparo des Jahres 2022 gibt es vor allem ein sichtbares Symptom f&#252;r das schlecht funktionierende Gemeinwesen: Den M&#252;ll. Er wird von den K&#252;hen aus den offenen Containern gezerrt, vom Wind durch die engen Gassen geweht, sammelt sich bergeweise in den verlassenen G&#228;rten. Eines Tages h&#246;ren wir von einer gro&#223; angelegten M&#252;llsammelaktion im alten Teil des Dorfes. Begeistert kaufen wir jede Menge M&#252;lls&#228;cke und &#252;berreden sogar Luana (mit der Aussicht, daf&#252;r ihr Haus verlassen zu k&#246;nnen), mitzukommen und uns zu helfen. Allerdings - am vereinbarten Tag ist niemand zu sehen. Warum?, fragen wir den Wirt des Dorfcaf&#233;s. Die Aktion, erkl&#228;rt er uns, sei abgesagt worden, denn zwei Tage vorher ist im Nachbardorf jemand gestorben. </p><p>Wie genau dieses Ereignis mit der Absage zusammenh&#228;ngt, bleibt schleierhaft. Wir drei sammeln jedenfalls trotzdem f&#252;r einige Stunden rund um unser Haus den M&#252;ll zusammen. In den n&#228;chsten Tagen kommen wiederholt alte M&#228;nner und Frauen aus dem Dorf auf uns zu, um sich zu bedanken. Manche haben sogar Tr&#228;nen in den Augen. Es ist, als sei das Gef&#252;hl, etwas gemeinsam tun zu k&#246;nnen und es dann auch zu tun, in diesem Land ein sehns&#252;chtig vermisstes Relikt aus der Vergangenheit, etwas, was die zahlreichen Emigranten mit ins Ausland genommen haben.</p><p></p><p><em>Wenn dir der Text gefallen hat, lass mir gerne eine kleine Spende da. Das hilft mir, das Projekt fortzusetzen - und zeigt mir, dass meine Arbeit gebraucht und wertgesch&#228;tzt wird. </em></p><p class="button-wrapper" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://ko-fi.com/marleenoswald&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Kauf mir einen Kaffee&quot;,&quot;action&quot;:null,&quot;class&quot;:null}" data-component-name="ButtonCreateButton"><a class="button primary" href="https://ko-fi.com/marleenoswald"><span>Kauf mir einen Kaffee</span></a></p><p></p><p></p><p></p><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-1" href="#footnote-anchor-1" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">1</a><div class="footnote-content"><p>alle Namen ge&#228;ndert</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-2" href="#footnote-anchor-2" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">2</a><div class="footnote-content"><p>Fred C. Abrahams: Modern Albania. </p></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Was sind kollektive Traumata?]]></title><description><![CDATA[Warum kultureller Austausch kollektive Heilung f&#246;rdert]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/was-sind-kollektive-traumata</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/was-sind-kollektive-traumata</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Fri, 06 Mar 2026 07:01:07 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/c700f4fc-9740-40ba-a919-5b8d63120f7d_960x1280.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>In meinem vorherigen Artikel &#252;ber die ersten Wochen in Albanien habe ich im letzten Absatz versucht, zumindest ansatzweise zu erkl&#228;ren, was mich 2021 so sehr an dieses Land gebunden hat. Das ist &#252;brigens eine Frage f&#252;r sich, die ich bis heute nicht in allen Facetten beantworten kann. Aber zumindest ein gro&#223;er Teil der Antwort liegt in dem Thema, was ich in diesem Artikel bespreche: In meiner eigenen Eingebundenheit in <strong>kollektiven Traumastrukturen</strong>.<strong><a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-1" href="#footnote-1" target="_self">1</a></strong></p><h2>Was ist das genau?</h2><p>Das Wort <strong>Trauma </strong>ist urspr&#252;nglich ein griechisches Wort und bedeutet &#8222;Wunde&#8220;. Nach der Definition der APA (American Psychological Association) ist Trauma in der heutigen Bedeutung &#8222;eine emotionale Reaktion auf ein schreckliches Ereignis wie einen Unfall, eine Vergewaltigung oder eine Naturkatastrophe. Direkt nach dem Ereignis sind Schock und Verleugnung typisch. Langzeitfolgen sind zum Beispiel unvorhersehbare Emotionen, Flashbacks, instabile Beziehungen und sogar physische Symptome wie Kopfweh und M&#252;digkeit.&#8220;<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-2" href="#footnote-2" target="_self">2</a></p><p>Ein <strong>kollektives Trauma </strong>liegt dann vor, wenn nicht nur ein Individuum, sondern eine Gruppe oder eine ganze Gesellschaft von Trauma betroffen ist. Solche kollektiven Traumata (auch bezeichnet als &#8222;historische Traumata&#8220;) sind zum Beispiel der Holocaust in Deutschland oder die Sklaverei in Amerika. Die <strong>Epigenetik </strong>zeigt, dass unsere Genetik sich durch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse ver&#228;ndern kann. Trauma kann dadurch auch &#252;ber viele Generationen hinweg genetisch weitergegeben werden.</p><blockquote><p><strong>Wenn ich mich mit dieser Thematik besch&#228;ftige, kann ich mir folgende Fragen stellen: Gibt es untraumatisierte Gesellschaften? Kann es daher untraumatisierte Individuen geben?</strong></p></blockquote><h3>K&#246;nnen wir alleine heilen?</h3><p>Im spirituellen Kontext bezeichnen wir den unbewussten Bereich unseres Traumas auch als<strong> Schatten.</strong> Wenn wir anerkennen, dass wir in traumatisierte Gesellschaften hineingeboren werden, gibt es so etwas wie einen pers&#246;nlichen Schatten eigentlich gar nicht. Unser Nervensystem entwickelt sich schon im Mutterleib im Wechselspiel mit anderen Nervensystemen. Folgendes Gedankenexperiment: Stell dir vor, du bef&#228;ndest dich pl&#246;tzlich in einer utopischen Welt, die komplett heil ist, in der es nur Licht gibt und die auf keine destruktiven Impulse reagiert. Wie lange k&#246;nntest du deine eigene Destruktivit&#228;t aufrechterhalten?</p><p>Dieser Gedanke macht deutlich, dass jeder Schatten &#8222;Investoren&#8220; braucht: &#196;u&#223;ere Einfl&#252;sse oder Kr&#228;fte, die dem Schatten Energie zuf&#252;hren. In einer Gesellschaft, die sich ihres eigenen Traumas nicht bewusst ist, investieren wir permanent in die inneren Wunden der anderen. Wie der kanadisch-ungarische Mediziner Gabor Mat&#233; schreibt: &#8222;Wir sind ganz und gar auf Kommunikation ausgelegt und so muss auch Heilung ein soziales Geschehen sein, das einen Wir-Raum braucht.&#8220;</p><blockquote><p><strong>Als Individuen k&#246;nnen wir bis zu einem bestimmten Punkt heilen. Aber um uns als Menschheit weiterzuentwickeln, m&#252;ssen wir kollektive Heilungsprozesse beginnen. Wir m&#252;ssen von einem Ich-Bewusstsein in ein Wir-Bewusstsein kommen.</strong></p></blockquote><h3>Geschichte wiederholt sich - aber warum?</h3><p>Auf einer gesellschaftlichen Ebene verursachen Traumata die Illusion von <strong>Getrenntheit. </strong>Eine traumatisierte Gesellschaft erschwert oder verhindert<strong> </strong>Verbindung. Sie ist gepr&#228;gt von einem kollektiven <strong>Nicht-Wissen-Wollen</strong>. Wenn wir uns zum Beispiel in einem Gespr&#228;ch dieser unsichtbaren Grenze n&#228;hern, kann es sein, dass wir pl&#246;tzlich m&#252;de werden und die Verbindung zu unserem Gespr&#228;chspartner verlieren. H&#228;ufig versteckt sich unser Nicht-Wissen-Wollen auch hinter einem Scheinwissen, wo wir gelernte Wahrheiten &#252;ber Politik und Geschichte wiederk&#228;uen, ohne in der Tiefe in ihre Bedeutung hineinzuf&#252;hlen.</p><p><strong>Kollektives Trauma</strong> hindert uns daran, unser Eingebundensein in die Geschichte (<strong>historisches Bewusstsein</strong>) nicht nur mental zu erkennen, sondern auch zu f&#252;hlen. Wenn wir nicht in der Lage sind, uns als &#8222;Wir&#8220; wahrzunehmen, &#252;bernehmen wir keine wirkliche Verantwortung f&#252;r unseren Einfluss auf das Kollektiv. Wir bleiben unbewusst und wiederholen immer wieder die gleichen Muster. Die Zukunft wird zu einer nach vorne projizierten, traumatischen Vergangenheit &#8211; und Geschichte wiederholt sich.</p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;rs Lesen! Abonniere mich kostenlos, um keine Posts mehr zu verpassen.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="E-Mail-Adresse eingeben &#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Abonnieren"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><h2>Wie ich auf das Thema gesto&#223;en bin - und warum es mich nicht mehr losl&#228;sst</h2><p>Aufgewachsen bin ich in Deutschland. In einem Land, was sehr sicher und privilegiert erschien. Unsere Staatsform war die &#8220;beste aller m&#246;glichen&#8221; und die Kinder in anderen L&#228;ndern &#8220;w&#228;ren froh, wenn sie so ein Leben h&#228;tten wie du&#8221;. Und trotzdem hatte ich immer das Gef&#252;hl, irgendetwas in diesem Land stimme nicht. Irgendetwas daran war dunkel, bedrohlich, lag unter der Oberfl&#228;che, gerade jenseits des Begreifbaren. </p><p>Bei meiner fr&#252;hesten Erinnerung an dieses Gef&#252;hl muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein und meine Eltern dachten dar&#252;ber nach, mit uns in die Schweiz zu ziehen. Inst&#228;ndig hoffte ich, sie w&#252;rden diesen Plan verwirklichen. Die Schweiz war damals f&#252;r mich nicht mehr als ein abstraktes &#8220;Woanders&#8221; - aber eben: woanders. </p><p>Und der Fluchtimpuls wuchs. Auch ohne dass ich ihn wirklich h&#228;tte begr&#252;nden k&#246;nnen. Als ich mit dem Abitur fertig war, hatte ich einen einzigen Plan: Mich entfremden. Irgendwohin, wo ich mich nicht auskenne, wo ich die Sprache nicht spreche und wo mich niemand kennt. Und so vielleicht endlich verstehen. Ohne dass ich auch nur ansatzweise benennen konnte, was ich genau verstehen wollte, sp&#252;rte ich doch instinktiv, dass dieses &#8220;Verstehen&#8221; durch eine zu gro&#223;e N&#228;he behindert wurde.</p><h3>Dann kam Corona.</h3><p>Und pl&#246;tzlich lag das omin&#246;se &#8220;Dunkle&#8221;, was ich immer gesp&#252;rt hatte, an der Oberfl&#228;che.</p><p>Ich k&#246;nnte jetzt sagen: Es wurde sichtbar in dieser oder jener Verhaltensweise. Das sprengt aber den Rahmen des Artikels. Mehr noch als in konkreten Handlungen lag es in der Luft. Auch ohne Maske war die Luft auf einmal zu dick zum Atmen, schwer von Angst, Hass, dem Streben nach Anonymit&#228;t und Abstand, der &#220;berlagerung von Gef&#252;hlen durch politische Parolen und einer umfassenden Taubheit. Zur Zeit des ersten Lockdowns war ich gerade in Portugal und blieb erst einmal dort. Danach versuchte ich mehrmals, nach Deutschland zur&#252;ckzukehren. Aber genau das Gef&#252;hl, was schon immer mein &#8220;Wegwollen&#8221; begr&#252;ndet hatte, war jetzt ins Unertr&#228;gliche hochgedreht worden. Ein inneres Gewicht, dass das Aufstehen schwer macht. Ein st&#228;ndiges, unangenehmes Prickeln auf der Haut. Ein Druck auf der Lunge.</p><p>So sehr ich auch als Kind immer weg gewollt hatte: Vermutlich h&#228;tte mir am Schluss doch die Radikalit&#228;t gefehlt. 2021 h&#228;tte ich mich an einer Universit&#228;t f&#252;r Kreatives Schreiben bewerben wollen. Doch mit der k&#246;rperlichen Abwehr, die ich sp&#252;rte, der Aussicht auf Online-Unterricht vielleicht f&#252;r immer und der Frage, ob ich an dieser Universit&#228;t &#252;berhaupt eine Zukunft h&#228;tte (ich wusste zum Beispiel schon, dass ich mich nicht impfen lassen w&#252;rde), wurde diese Option obsolet.</p><p><strong>Ich hatte immer weg gewollt. Aber auf einmal war der Weg zur&#252;ck gef&#252;hlt versperrt. Und das war etwas anderes. </strong></p><h3>Heilung durch Kontakt mit anderen Kulturen</h3><p>Es gab in diesem Deutschland also etwas Kollektives, etwas, das f&#252;r mich aus irgendeinem Grund besonders bewusst f&#252;hlbar war. Etwas, von dem ich permanent fragen wollte: Warum sieht das denn keiner?! Ich wusste noch nicht, dass das genau die Frage ist, mit der Lebenswege und -aufgaben beginnen; dieses simple &#8220;Warum k&#252;mmert sich denn keiner darum&#8221;.</p><p>Auf den Begriff &#8220;kollektive Traumata&#8221; bin ich dann viel sp&#228;ter erst gesto&#223;en, zu einem Zeitpunkt, als ich schon ein ganzes Blogprojekt aufgezogen hatte, um dieses omin&#246;se Etwas zu beschreiben. Erst durch den Kontakt mit der Arbeit von Thomas H&#252;bl konnte ich es dann nicht mehr nur erf&#252;hlen, sondern auch erkl&#228;ren.</p><p>2020, und sp&#228;testens dann 2021, war ich also heimatlos geworden und es gab nichts, was mich davon abhielt, mich mit Haut und Haar auf die L&#228;nder und Menschen einzulassen, die mir begegneten. Was ich dabei allm&#228;hlich entdeckte, war Folgendes: Jede soziale Gruppe (jedes Land, jede &#8220;Kultur&#8221;, jede Gesellschaftsschicht) formt ein energetisches Feld, in dem bestimmte Informationen, Gef&#252;hle und Gedanken implizit eingeschrieben sind. Wir sind daran gew&#246;hnt, diese Informationen als etwas Individuelles zu betrachten. Aber meiner Beobachtung nach ist der kollektive, quasi durch unsere Umgebung und unser Umfeld automatisch &#252;bernommene Anteil unserer Persona viel gr&#246;&#223;er als den meisten bewusst ist.</p><p>Und warum ist es so schwer, sich dar&#252;ber bewusst zu werden? Ganz einfach deshalb, weil die meisten Menschen sich aus &#8220;ihren&#8221; Feldern nie oder fast nie herausbewegen. Und eine andere Art des In-der-Welt-Seins vorstellbar und f&#252;hlbar sein muss, um die eigene begreifen zu k&#246;nnen. </p><h4>Deutschlands kollektives Trauma</h4><p>In meinem aktuellen Verst&#228;ndnis ist das gr&#246;&#223;te und zentrale Trauma Deutschlands - &#220;berraschung - das dritte Reich. Vermutlich k&#246;nnten wir, wenn wir an einem Punkt w&#228;ren, uns tats&#228;chlich f&#252;hlend dahin zur&#252;ck zu verbinden, noch andere, subtilere Geschichten und Strukturen entdecken. Aber im Moment ist das eben so, das gro&#223;e und zentrale Element ist das Erlebnis des Faschismus. Beispiele daf&#252;r, wie dieses kollektive Erlebnis individuelle Verhaltensweisen beeinflusst, k&#246;nnten zum Beispiel sein:</p><ul><li><p>eine gro&#223;e Angst davor, &#8220;b&#246;se&#8221; oder &#8220;falsch&#8221; zu handeln. Daraus resultierend die ber&#252;hmte deutsche Regeltreue, aber auch eine hohe Bereitschaft, von einem Standpunkt abzuweichen, sobald dieser (von der &#214;ffentlichkeit) als moralisch falsch gelabelt wird.</p></li><li><p>ein untergr&#252;ndiges Schuldgef&#252;hl und die Angst davor, jemandem zu nahe zu treten oder zu viel Platz einzunehmen. Scham beim Annehmen von Gastfreundschaft oder Hilfsbereitschaft. Wenn wir auf der Stra&#223;e jemanden weinen sehen, schauen wir oft lieber zur Seite, anstatt dem Menschen m&#246;glicherweise &#8220;zu nahe zu treten&#8221;.</p></li><li><p>Die Tendenz, eher in Gesetze und Institutionen zu vertrauen als in andere Menschen. Die Bef&#252;rchtung, zu viel Verantwortung f&#252;r die Allgemeinheit (etwa durch Volksentscheide) f&#252;hre auf direktem Weg in den Faschismus. Die auch medial st&#228;ndig gesch&#252;rte Angst vor der R&#252;ckkehr der &#8220;Rechten&#8221; und die Bereitschaft, jegliche missliebige (als unmoralisch empfundene oder das eigene Weltbild ersch&#252;tternde) Gruppe sofort als &#8220;Nazis&#8221; zu bezeichnen.</p></li></ul><p>Und das ist der Punkt: Alle diese Eigenschaften konnte ich erst so benennen, nachdem ich erlebt hatte, dass es eben nicht &#252;berall auf der Welt so ist. </p><h4>Albanien: Andere Antworten - andere Fragen</h4><p>Auf gewisse Weise wurde Albanien zu der ersten, deutlichen Antwort auf meine vage formulierte Idee, dass bei mir zuhause etwas nicht stimmt. Wo ich nicht zu viel sein wollte, wurde ich dort mit Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft &#252;bersch&#252;ttet - und dadurch zum ersten Mal mit meiner Scham konfrontiert. Ich war daran gew&#246;hnt, den Staat trotz allem irgendwie als Retter und Besch&#252;tzer zu betrachten - f&#252;r die Menschen in Albanien war das einzige, worauf man wirklich vertrauen konnte, Familie und soziale Verbindungen.</p><p>Bereitwillig lie&#223; ich mich von dem albanischen Feld einsaugen. Ich f&#252;hlte mich befreit von dem, was mir in Deutschland so schwer geworden war. Ich entwickelte Eigenschaften wie Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Gro&#223;z&#252;gigkeit. Dann, mit der Zeit, entdeckte ich auch die Schattenseiten: Lethargie, Unzuverl&#228;ssigkeit, Fatalismus. Und dahinter - als ich damit begann, mich f&#252;r die Ursachen zu interessieren - eine historische Erz&#228;hlung. Eine, der ich mich (anders als der deutschen) relativ unvoreingenommen n&#228;hern konnte, ohne mich erst durch eine Wand aus Scham, Schuld, Angst und Identit&#228;tsfragen k&#228;mpfen zu m&#252;ssen. Und die mir gerade dadurch erm&#246;glichte, Geschichte an sich v&#246;llig anders zu verstehen.</p><h4>Warum es einen deutsch-albanischen Austausch braucht</h4><p>Die Beziehung zwischen den beiden nationalen R&#228;umen Deutschland und Albanien ist komplex. Sie hat eine lange Geschichte - eine Tatsache, auf die ich von meinen albanischen Gespr&#228;chspartnern regelm&#228;&#223;ig hingewiesen werde. Auf der anderen Seite wissen wir in Deutschland sehr wenig &#252;ber Albanien. Wie vielen Menschen ist etwa bewusst, dass Albanien mit das am meisten gef&#246;rderte Land der deutschen Entwicklungshilfe ist? Oder dass Deutschland keine ganz unwesentliche Rolle im albanischen Systemwechsel der 90er Jahre gespielt hat?</p><p>Ich bin davon &#252;berzeugt, dass diese zwei Kulturr&#228;ume aus ihren jeweiligen historischen Entwicklungen heraus Antworten f&#252;reinander haben. Antworten, die dabei helfen k&#246;nnten, die jeweilige historische Pr&#228;gung und ihre Implikationen zu verstehen. Zu diesem Austausch beizutragen und dadurch ein tieferes Geschichtsverst&#228;ndnis zu f&#246;rdern ist die Absicht dieses Newsletters.</p><p></p><p></p><p><em>Sch&#246;n, dass du hier bist. Wenn dir der Text gefallen hast, kannst du die Fortsetzung des Projektes mit einer kleinen Spende unterst&#252;tzen. </em></p><p class="button-wrapper" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://ko-fi.com/marleenoswald&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Kauf mir einen Kaffee&quot;,&quot;action&quot;:null,&quot;class&quot;:null}" data-component-name="ButtonCreateButton"><a class="button primary" href="https://ko-fi.com/marleenoswald"><span>Kauf mir einen Kaffee</span></a></p><p></p><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-1" href="#footnote-anchor-1" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">1</a><div class="footnote-content"><blockquote><p>Quellen<em>: Thomas H&#252;bl: Kollektives Trauma heilen. Verborgene Verletzungen der Seele verstehen und transformieren</em>. Heyne-Verlag, 2023</p><p>Zur ersten &#220;bersicht zum Thema: Wikipedia: <em>Collective Trauma</em> (englischer Artikel) <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Collective_trauma">https://en.wikipedia.org/wiki/Collective_trauma</a></p></blockquote><p></p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-2" href="#footnote-anchor-2" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">2</a><div class="footnote-content"><blockquote><p>; American Psychological Association: <em>Trauma </em>(<a href="https://www.apa.org/topics/trauma/">https://www.apa.org/topics/trauma/</a>), Stand 11.04.2024.</p></blockquote><p></p></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Die ersten Wochen in Albanien]]></title><description><![CDATA[H&#246;hlen voller Waffen, ein albanischer Romeo und das Gef&#252;hl der Unbesiegbarkeit]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/die-ersten-wochen-in-albanien</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/die-ersten-wochen-in-albanien</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Tue, 24 Feb 2026 07:00:54 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/7bd01ec2-e37a-4c12-84cd-d89a8f544cff_1280x960.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Bei meinem ersten Besuch 2021 erscheint mir Tirana wie eine einzige, riesige Baustelle. &#220;berall sind die Stra&#223;en aufgerissen, Staub liegt in der Luft. Ich spaziere entlang eines langen, leeren Boulevards zwischen Wohnbl&#246;cken in allen Formen und H&#246;hen, ges&#228;umt von gr&#252;n beschatteten Caf&#233;s. Am Rand verkauft ein Mann Luftballons. Ich bin schrecklich m&#252;de und gehe doch immer weiter &#8230;</p><p>Im Hostel bin ich die einzige Frau. Ja, auch zu diesen Zeiten gibt es Reisende. Aber es sind fast ausschlie&#223;lich M&#228;nner, die sich das unter den unsicheren Bedingungen trauen. Am ersten Abend gehen wir alle zusammen in ein Restaurant. Da wir die Speisekarte nicht lesen k&#246;nnen, bestellen wir, indem wir wahllos auf die Karte tippen. Was wir bekommen? Unter anderem einen ganzen Schafskopf mit Augen und Zunge, in der Mitte halbiert. Um mir bei den M&#228;nnern Respekt zu verschaffen, esse ich eines der Augen; die Konsistenz ist wie Pudding. </p><h3>Das Hostel am Meer</h3><p>Zu dieser Zeit geht mir schon langsam das Geld aus und ich will unbedingt ans Meer. Im Internet finde ich ein Hostel in Himara, einer kleinen Stadt im S&#252;den, was nach einem Volunteer sucht. &#220;ber den Besitzer h&#246;re ich schon in Tirana Ger&#252;chte, er sei &#252;bergriffig gegen&#252;ber Frauen. Aber w&#252;rde ich auf Ger&#252;chte h&#246;ren, w&#228;re ich gar nicht erst nach Albanien gekommen. Und so steige ich schon bald in einen &#252;berf&#252;llten Minibus Richtung S&#252;den. Erst geht es lange durch eine flache Landschaft. Dann &#252;berqueren wir auf einmal einen hohen Berg. Auf der anderen Seite: Das Meer und eine schmale, gewundene Stra&#223;e, die immer weiter nach unten f&#252;hrt.</p><p>Als ich in Himara aus dem Bus steige, h&#228;ngen die Wolken schwer &#252;ber dem Meer und w&#228;hrend ich die lange, helle Promenade entlanggehe, fallen die ersten Regentropfen. Auf einmal winkt jemand von einer Dachterasse herunter und schreit meinen Namen. Das ist der Besitzer des Hostels, der sich - ich habe es nicht erfunden - Romeo nennt. Sein Hostel ist ein feuchter und chaotischer Ort. Bunt bemalte W&#228;nde, eine vollgestellte K&#252;che, eine Dachterrasse, auf der ich zwischen Blument&#246;pfen, bunten Kissen und ungewaschenen Tellern eine Franz&#246;sin vorfinde, die gerade eine noch freie Wand bemalt. Es gibt auch noch einen &#228;lteren Amerikaner, der sich mit Micro-Trading besch&#228;ftigt und endlose Monologe h&#228;lt, wenn man den Fehler macht, ihn anzusprechen. Seine liebsten Themen sind die B&#246;rse und die Frage, wie es sein kann, dass seine Ex-Frau ihn f&#252;r einen H&#252;hnerfarmer verlassen hat. Einen gottverdammten H&#252;hnerfarmer. Man stelle sich das vor.</p><p>Was Romeo selbst betrifft, hat er eine ganz spezielle Form von Unruhe in den Augen. Vielleicht w&#228;re ich doch sofort umgekehrt, h&#228;tte ich nicht den Eindruck gehabt, die Franz&#246;sin sei seine Freundin. Und wenn diese h&#252;bsche, freundliche Frau es mit ihm aush&#228;lt, denke ich, kann er so schlimm nicht sein&#8230;</p><h4>Sterne, Seeigel und eine ganz bestimmte Form von Unruhe</h4><p>In den folgenden Tagen versuche ich, f&#252;r Romeo zu arbeiten. Aber jedesmal, wenn ich etwas tun will, sagt er: &#8220;Relax - wir sind hier im Relax Hostel.&#8221; Stattdessen gehen wir Holz sammeln f&#252;r das abendliche Lagerfeuer auf der Terrasse. Oder wir liegen in der ersten warmen Sonne des Jahres auf den Felsen in der Bucht und Romeo zeigt mir, wie man Seeigel sammelt und welche Algen essbar sind. Jeden Morgen bereitet er mir ein f&#252;rstliches Fr&#252;hst&#252;ck zu und abends sehen die Sterne aus, als h&#228;tte jemand mit einem silbernen Stift in regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden kleine Punkte an den Himmel gemalt. So oft wie m&#246;glich sitzt Romeo neben mir und spricht &#252;ber Liebe. Und die Unruhe in seinen Augen w&#228;chst. </p><p>Dann, als er auch nach Tagen keine nennenswerten Erfolge bei mir erzielt hat, kommt sie eines Morgens zum Ausbruch. Sein Gesicht wird rot, ihm quellen die Augen fast aus dem Kopf und er sagt, ich sei die schlechteste Volont&#228;rin, die er je hatte. Prompt packe ich meine Sachen und stehe eine halbe Stunde sp&#228;ter auf der Stra&#223;e. Ein riesiger, ungepflegter Mann mit einer Ziege l&#228;uft im Zickzack den Strand entlang. Und ich sitze neben meinem viel zu schweren Rucksack im Sand und muss furchtbar lachen. </p><p>Bei alldem, was mir in den n&#228;chsten Tagen noch passieren wird: Ich habe mich selten in meinem Leben so leicht gef&#252;hlt. Leicht, weil ich endlich den Punkt erreicht habe, alles, was ich besitze, in einen Rucksack packen und so innerhalb von einer halben Stunde einfach weiterziehen zu k&#246;nnen. Und diese simple Freiheit allein verleiht mir ein Gef&#252;hl der Unbesiegbarkeit. Ein im ganzen K&#246;rper f&#252;hlbares Wissen: Die Umst&#228;nde meines Lebens habe ich selbst gew&#228;hlt.</p><h3>Das Haus des Drogenbosses</h3><p>Jedenfalls bin ich ganz offensichtlich nicht die erste, die mit Romeo aneinander geraten ist. Innerhalb einer Stunde existiert eine Art lokales Rettungsnetzwerk, was mich an einen Engl&#228;nder und seine brasilianische Freundin in Borsh, zwei D&#246;rfer weiter, vermittelt hat. Dieser Engl&#228;nder hat dort gerade ein Haus gemietet und gro&#223;e Pl&#228;ne: Ein Seminarzentrum, mit Techno-Parties in dem von H&#246;hlen durchzogenen Garten. Allerdings hat das Haus angeblich einem lokalen Drogenboss geh&#246;rt, bis dieser ins Gef&#228;ngnis gekommen ist. Der Garten liegt unter einer dicken Schicht aus Plastikm&#252;ll. Und aus den L&#246;chern in den Felsen hole ich unz&#228;hlige Patronen. </p><p>Nachts bin ich alleine in dem Haus. Die Stra&#223;e drau&#223;en ist nicht beleuchtet und auch drinnen habe ich weder Strom noch M&#246;bel. Der Engl&#228;nder versucht trotzdem st&#228;ndig, mich dazu zu bringen, mehr zu arbeiten. All das sind aber nur kleine Unbequemlichkeiten angesichts der immensen Sch&#246;nheit, die mir in dem Ort begegnet. Die lange, sandige Strandpromenade, an der magere Pferde entlanglaufen. Der volle Mond zwischen den Olivenb&#228;umen, oh dieser riesige Mond. Das Caf&#233; mit seinen schweren Vorh&#228;ngen, seinen Lederst&#252;hlen und seinem Geruch nach Tabakrauch. Die scharf gestochenen Schatten, die die Palmen auf den Kies werfen. Die ungekl&#228;rten R&#228;tsel dieser Welt: Wie die Frau auf dem Postamt, die standhaft behauptet, diese Post versende nur Briefe, keine Pakete. Und erst nachdem ich unverrichteter Dinge wieder abgezogen bin, f&#228;llt mir auf, dass sie dabei wie beil&#228;ufig immer wieder auf einen Geldschein auf der Theke getippt hat.<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-1" href="#footnote-1" target="_self">1</a></p><h4>Das Paradies und seine Dunkelheit</h4><p>Dann taucht T. auf. Ein Freund des Engl&#228;nders und mein sp&#228;terer Partner dieser Jahre. Ich sitze auf der Terrasse und telefoniere, und pl&#246;tzlich klettert ein Mann oberk&#246;rperfrei um mich herum und schlie&#223;t endlich den Strom an. Letzteres mithilfe eines Kabels, das vom Nachbarn hin&#252;bergelegt worden ist. Das erste, was mir an ihm auff&#228;llt, sind seine Augen. Sehr lebendig. Und sehr verletzlich. T. kommt aus Deutschland und ist wie ich urspr&#252;nglich wegen Covid nach Albanien gekommen. Zu diesem Zeitpunkt ist er allerdings schon fast ein Jahr dort, arbeitet mit den Albanern f&#252;r 20 Euro am Tag auf der Baustelle und verst&#228;ndigt sich mit einem Vokabular aus ungef&#228;hr zehn albanischen Worten, die er mit viel Erfindungsreichtum und Ausdrucksst&#228;rke in immer neuen Kombinationen verwendet. </p><p>Als ich ihm n&#228;herkomme, h&#246;ren die Frauen des Dorfes auf, mich b&#246;se anzuschauen. Offenbar haben sie in mir bis zu diesem Zeitpunkt eine Gefahr gesehen. T. stellt mir die M&#228;nner von der Baustelle vor. Und er zeigt mir eine H&#246;hle, in der eine verrostete Kalaschnikow liegt und eine andere, in der noch ein paar Pakete Sprengstoff zu finden sind, aus dem &#8220;B&#252;rgerkrieg&#8221;, wie er vage behauptet. Ich posiere mit der Waffe und lerne das Wort f&#252;r &#8220;gef&#228;hrlich&#8221;. Und ich lerne Bekim<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-2" href="#footnote-2" target="_self">2</a> und seine Familie kennen, die in den folgenden Jahren f&#252;r uns zu wichtigen Bezugspersonen werden sollen.</p><p><strong>Es mag seltsam klingen, aber ich bin in diesen Tagen &#252;berzeugt, ein Paradies gefunden zu haben. </strong></p><p>Kein Postkartenparadies. Aber in der Sch&#246;nheit dieses Ortes ist etwas Br&#252;chiges, etwas Unzug&#228;ngliches, ein leuchtender Schatten. Es ist ein Ort, der den Eindruck vermittelt, er sei es wert, geliebt zu werden; aber auch, dass es diese Liebe nicht ohne einen Preis geben kann. Heute wei&#223; ich nicht mehr, wie ich erkl&#228;ren soll, dass fast nichts von dem, was ich in diesen Tagen gesehen und erlebt habe, mir Angst gemacht hat. Aber vielleicht war es eben genau das. Vielleicht hat ein Teil von mir angefangen, dieses Land zu lieben, auf die gleiche Art, in der ich mich das erste Mal in einen Menschen verliebt habe: Ohne zu wissen, dass dieses Gef&#252;hl der Unbesiegbarkeit eine Art von Liebe ist.</p><h3>Wie ich zum zweiten Mal herausgeworfen wurde</h3><p>Trotzdem. Paradies hin oder her. Schon kurze Zeit sp&#228;ter tritt ein weiteres Ereignis ein, was mich zum Gehen zwingt. Dieses Ereignis ist ein Streit zwischen T. und dem Engl&#228;nder, der damit endet, dass T. herausgeworfen wird. Und ich, obwohl ich mit dem Streit nichts zu tun habe, gleich mit. Da es schon Abend ist, vereinbaren wir, am n&#228;chsten Morgen weiter zu ziehen. Wohin? T. sagt: &#8220;Ich wei&#223; nicht wohin, aber ich will bei dir sein.&#8221; Und das ist gut. Das will ich auch. </p><p>In diesem Moment taucht allerdings eine Gruppe bedrohlich wirkender junger M&#228;nner aus dem Dorf auf, angef&#252;hrt vom Engl&#228;nder und seiner Freundin, die mit schriller Stimme immer wieder schreit: &#8220;Get out! Get out!&#8221; Als die Albaner sehen, dass wir etwas verwirrt unsere Sachen zusammenpacken, ziehen sie sich auf die andere Stra&#223;enseite zur&#252;ck. </p><p>Zum Caf&#233; sind es weniger als zehn Minuten Fu&#223;weg. Aber als wir dort ankommen, wartet Bekim schon auf uns, bestellt zwei Raki und klopft uns beruhigend auf die Schulter. Er f&#228;hrt uns mit dem Auto ins Nachbardorf zu einem anderen Freund, der uns kostenlos in seiner Ferienwohnung &#252;bernachten l&#228;sst. Noch einmal geht T. am n&#228;chsten Tag auf die Baustelle. Ich warte auf ihn und lerne das Wort f&#252;r &#8220;Liebe&#8221;. Als die Sonne untergeht, ist der ganze Himmel brandrot. Uns ist doch etwas mulmig zumute, deshalb verstecken wir uns in dieser Nacht an dem Kalaschnikow-Strand und nehmen fr&#252;h am Morgen den ersten Bus nach Saranda. </p><h3>&#8220;Zum letzten Mal in Albanien&#8221;</h3><p>Wir schimpfen auf Albanien, ich bin jetzt w&#252;tend und entt&#228;uscht, immerhin habe ich innerhalb von kaum mehr als zwei Wochen die ersten zwei Rausw&#252;rfe meines Lebens erlebt. Und von einem Paradies w&#252;rde ich jetzt auch nicht mehr reden. Kurzerhand beschlie&#223;en wir, zu Fu&#223; &#252;ber die Grenze nach Griechenland zu gehen. </p><p>Als wir den Grenzstein hinter uns lassen, glaube ich, zum letzten Mal in Albanien gewesen zu sein. Ich wei&#223; noch nicht, dass ich schon bald eine Art wiederkehrendes Heimweh nach diesem Land entwickeln werde. Dass ich zeitweise sogar das Gef&#252;hl entwickeln werde, ich sei den Menschen dort &#228;hnlicher und n&#228;her als denen meines Heimatlandes. In Deutschland und in den anderen EU-L&#228;ndern sehe ich in diesen Jahren vor allem Anonymit&#228;t, leicht lenkbare Feindseligkeit und einen Luxus, der Menschen wie mich ausschlie&#223;t. Und umso weniger ich mich dort zugeh&#246;rig f&#252;hle, umso wichtiger wird Albanien f&#252;r mich. </p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;r deine Aufmerksamkeit! Abonniere mich, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="E-Mail-Adresse eingeben &#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Abonnieren"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><p></p><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-1" href="#footnote-anchor-1" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">1</a><div class="footnote-content"><p>F&#252;r alle, die genauso naiv sind wie ich damals: Die Mitarbeiterin wollte damit die H&#246;he des Bestechungsgeldes andeuten, was ich zu zahlen gehabt h&#228;tte, damit die Post doch noch Pakete versendet. Der Betrag h&#228;tte damals ungef&#228;hr den Kosten f&#252;r drei Tassen Kaffee entsprochen.</p></div></div><div class="footnote" data-component-name="FootnoteToDOM"><a id="footnote-2" href="#footnote-anchor-2" class="footnote-number" contenteditable="false" target="_self">2</a><div class="footnote-content"><p>Name ge&#228;ndert.</p></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Wie ich das erste Mal nach Albanien kam]]></title><description><![CDATA[Was Freundlichkeit wirklich bedeutet - und warum ich diesen Blog schreibe.]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/wie-ich-das-erste-mal-nach-albanien</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/wie-ich-das-erste-mal-nach-albanien</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Tue, 17 Feb 2026 07:01:33 GMT</pubDate><enclosure url="https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/c2afdffa-93ca-4c05-b35f-f6bf985efec1_4032x3024.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Wie ich es in meinem ersten Post schon angedeutet hatte: Ich bin rein zuf&#228;llig in Albanien gelandet. Und wenn ich heute &#252;ber die unerz&#228;hlte Geschichte dieses Landes schreibe, dann tue ich es, weil diese Geschichte mein eigenes Verst&#228;ndnis &#252;ber die menschliche Geschichte insgesamt fundamental ver&#228;ndert hat. Und weil ich immer wieder bemerke, welche tiefen Erkenntnisse sie in den Leuten ausl&#246;st, denen ich von meiner Arbeit erz&#228;hle.</p><p>Ich tue es aber noch aus einem zweiten Grund, und der ist sehr viel einfacher. Dieser zweite Grund besteht in dem Gef&#252;hl der Verpflichtung und Dankbarkeit gegen&#252;ber diesem Land und seinen Menschen. Einem Land, in dem ich mit offenen Armen empfangen wurde, als ich fast schon dachte, es g&#228;be f&#252;r mich keinen Platz mehr auf der Welt. Dieses Projekt ist auch ein Versuch, etwas von dieser Erfahrung zur&#252;ckzugeben.</p><p>Aber genug der Einleitung: Hier kommt die ganze Geschichte.</p><h3>Das Jahr, in dem ich mein Ziel nach den Einreisebestimmungen w&#228;hlte</h3><p>Januar 2021. Covid. Deutschland liegt unter einer Glocke aus Angst; einer, die ich so stark empfinde wie noch nie zuvor. Sie f&#252;hlt sich an wie ein Druck auf der Brust, der das Atmen schwer macht, auch ohne Maske. Ich kann es nicht mal richtig benennen, aber instinktiv f&#252;hle ich: Ich will weg. Und sowieso gibt es an diesem Punkt nichts, was mich zur&#252;ckh&#228;lt. Die Schule habe ich schon 2019 beendet und h&#228;tte in diesem Jahr wohl zu studieren begonnen. Aber unter den aktuellen Bedingungen ist diese Option wenig anziehend. </p><p>Also klicke ich mich durch die Seite des Ausw&#228;rtigen Amtes. Und w&#228;hle mein Ziel schlicht danach aus, welches Land in Europa die laxesten Einreiseregelungen hat. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Europa genau drei L&#228;nder, die die Einreise ohne PCR-Test erlauben: Die Republik Moldau (sehr klein), Albanien und Mazedonien. Meine Wahl f&#228;llt zun&#228;chst auf Mazedonien<a class="footnote-anchor" data-component-name="FootnoteAnchorToDOM" id="footnote-anchor-1" href="#footnote-1" target="_self">1</a>, denn in Albanien, behauptet ein Bekannter, w&#252;rden Ausl&#228;nder regelm&#228;&#223;ig gekidnappt und erschossen. </p><p>Also fahre ich mit dem Bus 24 Stunden von Z&#252;rich nach Mazedonien. Verbringe zwei Monate dort. Dann versch&#228;rfen sich auch in diesem Land die Ma&#223;nahmen und die anderen gestrandeten Reisenden, die ich in Skopje kennengelernt habe, bewegen sich fast alle weiter ins Nachbarland Albanien. Und nachdem eine Woche sp&#228;ter alle immer noch am Leben sind, beschlie&#223;e ich, hinterherzureisen.</p><h3>Eine unerwartete Hilfsbereitschaft</h3><p>Von der Busfahrt von Bitola (Mazedonien) nach Tirana (Albanien) werden mir nachher vor allem zwei Bilder in Erinnerung bleiben. Das erste: Ein t&#252;rkisgr&#252;ner Fluss, die Ufer von Plastikm&#252;ll ges&#228;umt. Und das zweite: Eine Rastst&#228;tte mit einem Eingang aus rot-goldenen S&#228;ulen. Ich zeige dem Busfahrer meine mazedonischen Denar, um in Erfahrung zu bringen, ob ich hier damit bezahlen kann. Der Busfahrer versteht mich nicht, denn er spricht kein Wort Englisch. Offenbar kommt er aber zu dem Schluss, dass ich hungrig bin, kauft mir kurzerhand ein Sandwich und wartet h&#246;flich mit der Weiterfahrt, bis ich fertig gegessen habe. </p><p>Ein &#228;hnliches Erlebnis habe ich am gleichen Abend in Tirana. Ich habe das Hostel verlassen, um irgendwo etwas essen zu gehen. W&#228;hrend ich unschl&#252;ssig auf der Stra&#223;e stehe, kommt ein alter Mann auf mich zu. Auch er spricht kein Wort Englisch; als es uns nicht gelingt, uns zu verst&#228;ndigen, winkt er einen jungen Kellner aus einem Caf&#233; heraus. Der alte Mann, wird mir &#252;bersetzt, m&#246;chte wissen, ob ich Hilfe brauche - ich kenne mich hier wohl nicht aus? </p><p>Diese Gesten m&#246;gen klein erscheinen. Vielleicht sogar etwas skurril. Aber f&#252;r mich waren sie in diesem Moment wie Medizin.</p><h4>Eine Welt, in der man sich k&#252;mmern muss</h4><p>Egal, wohin ich in Albanien gekommen bin, immer verhielten sich die Menschen mir gegen&#252;ber auf die gleiche Weise. Als sei es ihre pers&#246;nliche Verantwortung, sicherzustellen, dass es mir gut ging. Diese Freundlichkeit erwartete keine Gegenleistung und sie war ganz unpers&#246;nlich. Sie hatte nichts mit Sympathie zu tun, sondern mit der Annahme, dass ich mich als Fremde in einer hilfsbed&#252;rftigen Position befand. Sie war etwas, was die Leute dort einfach taten, weil es das Richtige war. </p><p><strong>Man k&#246;nnte sogar sagen: Diese Freundlichkeit war Ausdruck ihrer W&#252;rde.</strong></p><p>In den ersten Tagen empfand ich jedesmal Scham. Warum? Vielleicht, weil ich selbst (wie mir pl&#246;tzlich bewusst wurde) zu unz&#228;hligen Gelegenheiten vers&#228;umt hatte, anderen Menschen die gleiche Hilfsbereitschaft entgegenzubringen? Die Menschen in Albanien schienen hellwach st&#228;ndig wahrzunehmen, was um sie herum vorging. Sie schienen mit der Haltung durch die Welt zu gehen, dass es nichts g&#228;be, was sie nicht pers&#246;nlich betr&#228;fe. </p><p>Vor dem Hintergrund dieser Haltung wurde mir erst bewusst, wie abgestumpft ich selbst war. Die Kultur, in der ich aufgewachsen war, hatte mir beigebracht, anderen nicht zu nahe zu treten. Und der stabil erscheinende Staat Deutschland hatte mir vermittelt: Du brauchst dich um niemanden zu k&#252;mmern. Daf&#252;r gibt es ein Sozialsystem.</p><p>Albanien erf&#252;llte mir eine Sehnsucht, die ich vorher nicht einmal benennen konnte. Es war die Sehnsucht danach, sozial eingebunden zu sein. Nicht als ein anonymes, Steuern zahlendes Glied eines B&#252;rokratieapparats. Sondern als ein Mensch, der auf der Stra&#223;e von anderen Menschen erkannt wird. Als jemand, der gebraucht und in Verantwortung genommen wird. Als jemand, der davon ausgeht, dass seine Pr&#228;senz und seine Aufmerksamkeit zu jedem Zeitpunkt ben&#246;tigt werden k&#246;nnte. Kurz: Die Sehnsucht danach, ein Mensch zu sein, den die Welt direkt, unmittelbar und &#252;ber den engsten, pers&#246;nlichen Kreis hinaus etwas angeht. </p><h3>Die Angst vor den anderen Menschen</h3><p>Erst in Albanien konnte ich auch benennen, warum ich so dringend aus Deutschland weg gewollt hatte. Eigentlich immer schon - meine erste bewusste Erinnerung an einen Traum vom Auswandern stammt aus einer Zeit, als ich etwa vier Jahre alt gewesen sein muss. Aber dann, in der Zeit von Covid, eben noch einmal ganz besonders. </p><p>Es war nicht nur die Angst. Es war ein fundamentales Gef&#252;hl der Einsamkeit. Im Nachhinein denke ich manchmal, die Abstandsregelungen dieser Zeit sind in Deutschland auch deshalb so au&#223;erordentlich gut eingehalten worden, weil sie Ausdruck einer Angst waren, die schon viel &#228;lter war als die vor Covid. Einer tief im K&#246;rper sitzenden Angst vor den Menschen um uns herum. Einem Misstrauen, das so gro&#223; ist, dass wir Systeme wollen, um uns vor den Risiken des menschlichen Miteinanders zu sch&#252;tzen. Einem Misstrauen auch und vor allem uns selbst gegen&#252;ber. </p><p>Habe ich nicht schon manchmal im Zug einen weinenden Menschen gesehen und mich diskret abgewandt? Nicht aus B&#246;sartigkeit oder fehlendem Mitgef&#252;hl, sondern aus dem unerkl&#228;rlichen Gef&#252;hl, meine Aufmerksamkeit w&#252;rde das Leid dieses Menschen verschlimmern statt verbessern? Ich w&#252;rde ihm &#8220;zu nahe treten&#8221; oder ihm vielleicht &#8220;l&#228;stig&#8221; fallen? </p><p><strong>Ich hatte diese Haltung nie hinterfragt, es war eben einfach so, mehr ein Instinkt als ein Konzept. Erst nach meinen Erlebnissen in Albanien erschien sie mir pl&#246;tzlich unnat&#252;rlich.</strong></p><h4>Was hinter der moralischen Emp&#246;rung liegt</h4><p>Und mehr noch. Ich erkannte dadurch, dass ich selbst ein zutiefst soziales Wesen bin. Ohne es zu merken, hatte ich in Deutschland damit begonnen, den &#8220;Anderen&#8221; gegen&#252;ber Wut, Frustration, fast schon Hass zu empfinden. Ich hatte innerhalb der Covid-Pandemie schon fr&#252;h eine Haltung, die sich von der der Medien unterschied. Ohne Albanien w&#228;re ich vielleicht in eine fundamentalere Wut gekommen. Ein Gef&#252;hl des Ausgesto&#223;enseins und eine massive Anklage gegen&#252;ber denjenigen, die anders dachten und handelten, als ich es f&#252;r richtig hielt.</p><p>Aber: Die ganze Zeit existierte da ein Land, in dem Abstandsregelungen schon kulturell schwer vorstellbar sind. Und &#252;berdies staatlich nicht durchzusetzen (das Budget des deutschen &#246;ffentlich-rechtlichen Rundfunks ist mit 10,4 Mrd. fast doppelt so hoch wie der gesamte Staatshaushalt Albaniens (5,3 Mrd.)). Ich habe in den Jahren der Pandemie dort eine Art von sozialer Verbundenheit erlebt, durch die ich erkannte, dass hinter meiner Wut auf die Menschen in Deutschland etwas Tieferes lag. </p><p><strong>Sie war im Grunde keine moralische Emp&#246;rung. Sondern eine unstillbare Sehnsucht nach Verbundenheit.</strong></p><p>An dieser Stelle m&#246;chte ich kurz anmerken: Das ist nur ein Aspekt des Landes, &#252;ber das ich hier schreibe. Und ich habe auch die Schattenseiten des Lebens kennengelernt. Aber unter alldem liegt eine emotionale Ber&#252;hrung, die meine Haltung zur Welt bis heute pr&#228;gt und die in mir eine bleibende Dankbarkeit zur&#252;ckl&#228;sst.</p><p>Und auch deshalb schreibe ich diesen Blog. </p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Abonnieren&quot;,&quot;language&quot;:&quot;de&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;rs Lesen! 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Deshalb werde ich hier weiter den Namen verwenden, den sie selbst ihrem Land geben w&#252;rden.</p></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Albaniens unerzählte Geschichte]]></title><description><![CDATA[Wie Tausende von Albanern durch Finanzbetrug ihr Geld verloren - und das Land im Chaos versank]]></description><link>https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/albaniens-unerzahlte-geschichte</link><guid isPermaLink="false">https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/p/albaniens-unerzahlte-geschichte</guid><dc:creator><![CDATA[Marleen Oswald]]></dc:creator><pubDate>Thu, 12 Feb 2026 07:01:43 GMT</pubDate><enclosure url="https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!Il7e!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F0885a294-bbad-451d-81ff-3b988b2f35bb_3120x3120.jpeg" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Als ich 2021 das erste Mal nach Albanien kam, wusste ich nichts &#252;ber die Geschichte dieses Landes. Und ich wusste auch nicht, dass mein Aufenthalt dort mehr sein w&#252;rde als eine kurze Flucht aus dem von Lockdowns und Covid-Angst geplagten &#8220;West&#8221;-Europa. Niemals h&#228;tte ich geahnt, dass ich Wochen und Monate in diesem kleinen Land h&#228;ngenbleiben und am Ende fast ein ganzes Jahr in einem albanischen Dorf verbringen w&#252;rde; und erst recht nicht, dass dieser Aufenthalt zur Quelle meiner gesamten literarischen Arbeit bis heute werden w&#252;rde.</p><h3>Koffer voller Geld und Waffen f&#252;r alle</h3><p>Die ersten Erz&#228;hlungen &#252;ber albanische Geschichte bekam ich nicht aus einer offiziellen Quelle und auch nicht als Ergebnis einer gezielten Recherche. Es waren unzusammenh&#228;ngende, kleine Geschichten, erz&#228;hlt in br&#252;chigem Englisch vermischt mit ein paar albanischen Worten. Und was ich da h&#246;rte, kam mir so unglaublich vor, dass ich es am Anfang eher f&#252;r Fantasien oder Missverst&#228;ndnisse hielt. </p><p>Da war die Geschichte &#252;ber ein Land, dessen Grenzen so sehr nach au&#223;en geschlossen sind, dass seine Menschen &#252;ber dieses Au&#223;en fast gar nichts wissen. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der sein Leben riskiert, als er weit drau&#223;en auf dem Meer eine Cola-Flasche treiben sieht - so begehrenswert ist dieser Gegenstand. Da sind Geschichten von Menschen, die nach der &#214;ffnung der Grenzen mit Koffern voller Geld aus Griechenland, Italien und Deutschland zur&#252;ckkommen. Geschichten von &#8220;ausl&#228;ndischen&#8221; Banken, deren Filialen &#252;ber Nacht geschlossen und das Geld ihrer Kunden mit sich genommen h&#228;tten; Grund daf&#252;r, dass der Erz&#228;hlende bis heute nie mehr ein Bankkonto er&#246;ffnet hat. Da ist eine Geschichte von ge&#246;ffneten Waffendepots und Revolte. Und eine andere, derzufolge alle diese Waffen irgendwann von den amerikanischen Geheimdiensten wieder eingesammelt worden seien, um die kosovarische &#8220;Befreiungsarmee&#8221; damit auszustatten. </p><p>Nat&#252;rlich, irgendwann habe ich sie dann gelesen, die offiziellen Quellen. Und doch haben mich diese Geschichten nie wieder losgelassen mit ihren symbolhaften, manchmal schl&#252;ssigen, manchmal skurril wirkenden Deutungen der historischen Ereignisse. Ich glaube, wir k&#246;nnen daraus lernen, wie und woraus Geschichte &#252;berhaupt &#8220;gemacht&#8221; wird &#8230;</p><p>Aber jetzt erstmal zur offiziellen Erz&#228;hlung der j&#252;ngeren Geschichte Albaniens. Erstens wirst du die brauchen, um dich auf meinem Substack &#252;berhaupt auszukennen. Und zweitens hat es schon diese Erz&#228;hlung in sich.</p><h3>Zogus Monarchie und die italienisch-deutsche Besatzung</h3><p>Die Geschichte Albaniens ist vor allem eine lange Geschichte von Fremdherrschaft und Widerstand; von wechselnden Gebietsanspr&#252;chen der Nachbarl&#228;nder und instabilen nationalen Regierungen, die immer wieder aufs Neue gest&#252;rzt wurden. Teilweise parallel und teilweise als Grundstruktur f&#252;r die jeweiligen Regierungen existierte immer ein System aus lokalen Clans und St&#228;mmen mit eigenen Regelwerken. </p><p>Von 1924 bis zum Beginn der italienischen Besatzung am 7. April 1939 erlebte Albanien eine Phase relativer Stabilit&#228;t unter dem selbsternannten K&#246;nig Ahmet Zogu. Dieser hatte die vorangegangene Regierung zun&#228;chst mit Unterst&#252;tzung Jugoslawiens st&#252;rzen k&#246;nnen. In der Folge baute er seine Macht vor allem auf die Unterst&#252;tzung der Interessen der albanischen Gro&#223;grundbesitzer und eine enge Zusammenarbeit mit Italien. Zwar gelang Zogu eine partielle Modernisierung des Landes - um seine Macht zu erhalten, errichtete er aber einen immer st&#228;rker kontrollierten Polizeistaat und geriet in unl&#246;sbare Abh&#228;ngigkeit gegen&#252;ber Italien. </p><p>Am 7. April 1939 marschierten italienische Truppen in Albanien ein. Das Land diente als Ausgangsbasis f&#252;r den italienischen &#220;berfall auf Griechenland, der allerdings misslang und zu einer griechischen Besetzung einiger St&#228;dte im S&#252;den Albaniens f&#252;hrte. Im September 1943, nach der Kapitulation Italiens, wurde das Land von der deutschen Wehrmacht besetzt.</p><h3>Enver Hoxhas paranoider Staatsapparat</h3><p>Schon 1939 formierten sich aus dem Widerstand gegen die Besatzung Gruppen von Partisanen. Eine f&#252;hrende Rolle &#252;bernahm dabei schon bald die 1941 gegr&#252;ndete KPA (Kommunistische Partei Albaniens) - mutma&#223;lich auch wieder mit jugoslawischer Unterst&#252;tzung. </p><p>Damit begann der Aufstieg Enver Hoxhas, des sp&#228;teren Diktators von Albanien. Der Franz&#246;sischlehrer aus Korca wurde zun&#228;chst zum Schatzmeister ernannt und war ab 1943 Generalsekret&#228;r. Schon w&#228;hrend des Krieges soll er damit begonnen haben, sich seiner Rivalen innerhalb der Partei zu entledigen - etwa, indem er sie an die Besatzer verriet. Kaum hatte die Kommunistische Partei nach dem Abzug der Deutschen 1944 die Macht &#252;bernommen, richtete Hoxha die Geheimpolizei <em>Sigurimi </em>ein, der in den n&#228;chsten 40 Jahren zehntausende Menschen zum Opfer fallen sollten. Auch und immer wieder diejenigen, die zum engsten Kreis um Hoxha geh&#246;rten und potenzielle Machtkonkurrenten h&#228;tten sein k&#246;nnen. Unter den ersten, die ermordet wurden, waren diejenigen Partisanen, die sich nicht den Kommunisten angeschlossen hatten.</p><p>In den Jahren von Hoxhas Diktatur riegelte sich das Land immer st&#228;rker nach au&#223;en hin ab. Nacheinander pflegte Albanien enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Jugoslawien (1944-1948), der Sowjetunion (1948-1961) und China (1968-1978). Diese wurden von albanischer Seite jedesmal pl&#246;tzlich und rigoros abgebrochen. Ab 1978 w&#228;hlte das &#8220;letzte freie Land Europas&#8221;, wie es innerhalb Albaniens hie&#223;, den Weg v&#246;lliger Autarkie. In Bef&#252;rchtung eines ausl&#228;ndischen Angriffes wurden entlang der Grenzen fast 200.000 Bunker gebaut.</p><p>Parallel hatten die USA und Gro&#223;britannien schon ab 1947 versucht, &#252;ber ihre Geheimdienste zu intervenieren; allerdings mit m&#228;&#223;igem Erfolg. Eine &#196;nderung der Lage war erst m&#246;glich, nachdem Enver Hoxha 1985 gestorben war. Wohl vor allem im Hinblick auf den wirtschaftlichen Druck, unter den das Land durch seine Isolation geraten war, bem&#252;hte sich sein Nachfolger Ramiz Alia um eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu anderen L&#228;ndern und um einen schrittweisen Systemwechsel. Ab 1990 beschleunigten sich die Entwicklungen durch die politischen Ver&#228;nderungen im Ostblock: Auch in Albanien brachen erste Proteste los und wurden schnell st&#228;rker. </p><h3>Wie Albanien zur kapitalistischen Demokratie wurde - ohne Opposition und Banken</h3><p>Die ersten pluralistischen Parlamentswahlen werden schon im M&#228;rz 1991 abgehalten. Wenige Wochen zuvor haben Demonstranten die Statue von Enver Hoxha in Tirana gest&#252;rzt. In den folgenden Jahren erlebt Albanien eine scheinbar pl&#246;tzliche und chaotische Transformation hin zu einer kapitalistischen Demokratie. Es werden neue Parteien gegr&#252;ndet und ausl&#228;ndische Beobachter kommen ins Land. Tausende Menschen fliehen &#252;ber die nun offenen Grenzen nach Griechenland und Italien. Das Land der Staatsbetriebe wird wild aufgeteilt, zahlreiche Menschen verlieren ihre Arbeitsstelle, zahlreiche andere kommen aus den Gef&#228;ngnissen frei.</p><p>W&#228;hrenddessen hat das Albanien der Neunziger Jahre zwei zentrale Probleme. Das erste: Nach den Jahren von Enver Hoxhas Schreckensherrschaft existiert fast keine tats&#228;chliche Opposition mehr. Wer sich vor 1990 tats&#228;chlich gegen das Regime gestellt hat, ist entweder tot oder zutiefst geschw&#228;cht und traumatisiert. In den Jahren nach dem System Change l&#246;st eine Regierung die andere ab, aber noch Jahrzehnte sp&#228;ter werden die m&#228;chtigen Menschen im Land die gleichen Nachnamen tragen wie die Politiker von damals.</p><p>Das zweite Problem: Dem neuen kapitalistischen System fehlt eine tragf&#228;hige Infrastruktur. Durch die massive Auswanderung kommen schnell ausl&#228;ndische W&#228;hrungen ins Land. Einkommensunterschiede werden rasant gr&#246;&#223;er, noch dazu werden in den ersten Jahren quasi keine Steuern erhoben. Es besteht eine wachsende Notwendigkeit, Geld zu wechseln, zu leihen und anzulegen. Doch die ben&#246;tigten Finanzinstitutionen daf&#252;r fehlen v&#246;llig.</p><h4>Der Traum vom schnellen Reichtum</h4><p>In der L&#252;cke entsteht ein massiver Boom von Pyramidensystemen. Diese privaten Gesellschaften sammeln Geld von Anlegern, um es in unterschiedliche Unternehmen zu investieren. Doch w&#228;hrend die staatliche Regulierung fehlt, werden die versprochenen Zinsen immer h&#246;her und die tats&#228;chlichen Investitionen immer kleiner. Zunehmend erhalten die Anleger ihre Zinsen nur noch aus dem Geld immer neuer Anleger: Ein System, was so lange funktioniert, bis nicht mehr gen&#252;gend neue Investoren nachkommen. </p><p>Bef&#246;rdert wird das Vertrauen in diese Institute nicht nur durch die Aussicht auf schnellen Reichtum, sondern besonders durch Medien und Politik. F&#252;hrende Politiker lassen sich mit den Eigent&#252;mern der Pyramidengesellschaften ablichten. Und auch internationale Organisationen wie Weltbank und IWF bescheinigen Albanien bis Mitte 1996 eine positive wirtschaftliche Entwicklung und verlieren kein Wort zu den Pyramidensystemen. </p><p>Im Fr&#252;hjahr 1997 haben alle diese Gesellschaften zusammen Einlagen im Wert von 1,2 Milliarden US-Dollar. Das ist mehr als 50% des damaligen Bruttosozialprodukts von Albanien. Fast niemand in Albanien widersteht der Versuchung von Renditen von 30, 40 oder 50 % pro Monat und viele Menschen verkaufen sogar ihren gerade erst gewonnenen Grundbesitz, um mehr investieren zu k&#246;nnen. Als Ende 1996 und Anfang 1997 fast alle Pyramidengesellschaften Insolvenz anmelden, kommt es zu Massenprotesten. Auch die Angeh&#246;rigen von Polizei und Milit&#228;r sind auf der Seite der Demonstranten. Innerhalb k&#252;rzester Zeit bricht die &#246;ffentliche Ordnung zusammen. Die Aufst&#228;ndischen pl&#252;ndern milit&#228;rische Lager und r&#252;sten sich mit Schusswaffen aus, es wird gepl&#252;ndert und zerst&#246;rt, Angeh&#246;rige ausl&#228;ndischer Staaten m&#252;ssen im Eiltempo evakuiert werden.</p><h3>Die Geschichte Albaniens ist eine europ&#228;ische Geschichte</h3><p>Die Phase der Anarchie dauert nur einige Monate. Bis zum August 1997 ist die Ordnung im Land durch das Eingreifen internationaler Truppen wieder einigerma&#223;en hergestellt. Und doch werden die Ereignisse dieser Jahre zum Wendepunkt in der albanischen Geschichte. F&#252;r die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, markiert der Crash der Pyramidensysteme das Ende einer Hoffnung. Die Hoffnung auf Wohlstand und Frieden; die Hoffnung auf Gerechtigkeit; die Hoffnung auf ein politisches System, dem man vertrauen darf und das man mitgestalten kann.</p><p>Ich habe mich lange gefragt, warum mich die Geschichte dieses mir doch fremden Landes so nachhaltig fasziniert hat, ein Land, in das ich nur zuf&#228;llig geraten bin und mit dem mich keine Wurzeln verbinden. Was eigentlich blo&#223; eine Recherche f&#252;r einen Roman h&#228;tte werden sollen, besch&#228;ftigt mich jetzt schon seit Jahren und zieht mich tiefer und tiefer hinein. Was geht Albanien mich &#252;berhaupt an?</p><p>Mit der Zeit wird mir klar, dass diese Geschichte der albanischen Neunziger nur scheinbar eine fremde Geschichte ist. In Wahrheit ist es eine europ&#228;ische Geschichte. Denn sie enth&#228;lt sehr viel davon, was Europa als Kontinent fundamental gepr&#228;gt hat. Die gebrochenen Versprechen von Kapitalismus und Kommunismus. Das omin&#246;se Erlebnis des &#8220;System Change&#8221;, in dem das, was gestern noch wahr war, pl&#246;tzlich zur L&#252;ge wird. Den Konflikt mit einem System, was am Ende eben doch aus Individuen besteht, an denen man sich nicht allen r&#228;chen kann. Die Auswirkung des Finanzsystems an dessen R&#228;ndern. Und den Traum von der besseren Welt und dem sch&#246;nen Leben.</p><p><strong>Ich glaube: Die albanische Geschichte zu erz&#228;hlen ist auch ein Weg, die blinden Flecken in unserer eigenen Geschichte zu erkennen.</strong></p><p>Auf diese faszinierende Reise m&#246;chte ich dich in meinem Blog mitnehmen. </p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://albaniensunerzaehltegeschichte.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Subscribe&quot;,&quot;language&quot;:&quot;en&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Danke f&#252;rs Lesen! Trag dich kostenlos in meinen Newsletter ein und erfahre, wie die Geschichte weitergeht.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="Type your email&#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Subscribe"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><p></p><div><hr></div><p>Quellen: </p><p>&#8220;Free: Coming of Age at the End of History&#8221;, Lea Ypi, Penguin 2022</p><p>&#8220;Tales from Albarado: Ponzi Logics of Accumulation in Postsocialist Albania&#8221;, Smoki Musaraj, Cornell University Press 2020</p><p>Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Albaniens und https://de.wikipedia.org/wiki/Lotterieaufstand , Stand Januar 2025</p><p></p>]]></content:encoded></item></channel></rss>